Zum Inhalt springen

Der Wald will nichts von dir. Du willst etwas vom Wald.

Die Abenteuerromane unserer Kindheit, die zu einem Großteil bereits von unseren Eltern in ihrer Kindheit gelesen wurden, werden nicht mehr die Kindheitserinnerungen unserer Kinder sein. Klassiker von Jules Vernes, Karl May und Astrid Lindgren mögen uns in eine Kindheit zurückversetzen, in der wir von einer Schatzsuche träumten und uns fernab der Eltern in dunkle geheimnisvolle Wälder begaben. Freundschaften mit aufmüpfigen Mädchen pflegten, Hütten bauten und allen sich in den Weg stellenden Gefahren die Stirn boten. Die Klassiker, ihnen allen voran die Bücher von Mark Twain, haben es heutzutage schwer, einen Platz in den Kindertraumwelten zu finden. Zugleich wird der wohlige Traum niemals verschwinden, sich in einem dunklen Versteck trotzig auszumalen, wie traurig und voller Reue die Eltern auf die Nachricht reagieren würden, man sei verschwunden.

Es sind nicht nur die Rassismen, Sexismen und Grausamkeiten, die wir unseren Kindern, eventuell fälschlicherweise, nicht zumuten möchten. Es sind auch die Geschichten, die in die digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts so gut passen, wie ein Waldtelefon in eine Welt von Smartphones und Tracking Apps. Wobei sich die Kindheit in den Industrienationen, abgesehen von zweisprachigen Kindergärten und Kinder-Yoga-Kursen, nicht grundsätzlich verändert hat. Die Kindheit ist weiterhin ein von diffusen, aber großen Erwartungen geprägtes Land, in dem man sich über alles und nichts wundern kann. Ein mit großem Ernst betriebenes Spiel, welches manchmal ernst wird.

Unlängst gab es in Berlin eine Ausstellung, die sich Huckleberry Finn widmete und die Erzählkraft der twainschen Romanfigur in der Gegenwart ausleuchtete. »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« von Mark Twain, eine fiktive Abenteuergeschichte eines weißen jugendlichen Außenseiters und eines entflohenen Sklaven ist eine Coming-of-Age-Erzählung par excellence, die man aufgrund der unübersetzbaren ironischen Idiome und Dialekte am besten im Original lesen oder hören sollte.

 

»Mädchenmeute« von Kirsten Fuchs

Kirsten Fuchs: „Mädchenmeute“ Rowohlt Berlin Verlag, 464 Seiten, 19,95 Euro
Kirsten Fuchs: „Mädchenmeute“ Rowohlt Berlin Verlag, 464 Seiten, 19,95 Euro

»Ich hatte mal gesehen, wie meine Mutter den Kopf wegdrehte, als Vater sie küssen wollte. Erwachsene waren wie ein Samtvorhang vor einem gruseligen Film. Wenn du einmal hinter diesen Vorhang geschaut hast, bist du fast schon selbst auf der anderen Seite. Dann ist nichts mehr, wie es vorher war. Und wenn du einmal weißt, dass es nicht stimmt, was sie sagen, dann stimmt gar nichts mehr.«

Wie sähe er also aus, der Abenteuerroman von heute, in dem die besten Zutaten der Abenteuerromane der Vergangenheit mit den schmackhaftesten Ingredienzien der Gegenwart, wie einer lässigen und phantasievollen Sprache, vermischt wären? »Mädchenmeute« von Kirsten Fuchs, welches als Jugendbuch des Monats September 2015 von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V. gewählt wurde, hat das Potential, zu einem Klassiker zu werden.

Bereits zu Beginn des Romans sticht die unvergleichliche Idee heraus, sieben junge pubertierende Mädchen auf ihrer Reise in ein Survial-Camp irgendwo in der Pampa zu begleiten, wo sie kein Smartphone dabei haben werden, aber immer wüssten, wo sie eines herbekämen, wenn sie denn wollten. Das, was Mädchen heutzutage in einer Großstadt erleben können, jenseits von Computerspielen und Ballettkursen, wie zum Beispiel Abrisshäuser zu erkunden, verlegt Fuchs in die tiefen und unergründlichen Wälder des Erzgebirges. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der schüchternen und leicht zu errötenden Charlotte, die zwar hochgewachsen ist, aber lieber andere ihre Gedanken aussprechen lässt.

Die sieben Mädchen sind so unterschiedlich in ihrer Herkunft, wie es auch ihre Träume, Ängste und Geheimnisse sind. Neben Charlotte ist da das Mackenmädchen Bea, welches insgeheim von Charlotte aufgrund ihrer Führungsstärke bewundert wird. Sie ist der Gegensatz zu Yvette, einer zickigen und scheinbar verwöhnten Anwaltstochter, die alles und jeden verklagen möchte. Als das Survival-Camp zu einem Blair Witch Project gerät, begeben sich die Mädchen auf den Weg zu einem geheimen Bergwerkstollen, dessen Lage und Eingang eines der Mädchen von ihrem Großvater kennt. Unterwegs klauen sie einen Kleinbus mit Hunden, die von da ab treue Begleiter der Mädchen werden. Charlotte hadert immer wieder mit ihren Gefühlen, aber sie sagt sich:

»Wenn man schon ein halbes Leben lang an einer leeren Bushaltestelle steht, in einem öden Vorort, dann muss man in den Bus einsteigen, wenn einer kommt. Egal, wo der hinfährt.«

Das Leben im Wald lässt sie bereits nach ein paar Tagen mit ihrer Haut hören und mit dem Hinterkopf sehen. Charlotte fühlt sich allmählich stärker und selbstbewusster. Als die Mädchen später mit ihrem Verschwinden durch die Medien geistern, bekommen sie sogar ihr eigenes Internetforum und werden zur »Generation Wald« auserkoren. Kirsten Fuchs beschreibt den Wald in all seinen Farben, Tönen und Gerüchen, ohne dass es langweilig wird. Der Wald knistert, raschelt und seufzt, während sich die Mädchen durch den Alltag im Wald kämpfen, wo gesägt, gesammelt und Schlafwache gehalten wird.

Am Ende ist nicht alles so, wie es scheint. Und die Mädchen kommen einem Geheimnis, einer DDR-Hinterlassenschaft, auf die Spur. Verborgen hinter dem Samtvorhang der Erwachsenen.

 

Heike Hellebrand

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *