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Die hässlichen Schwäne

»Ja, Banev, sagte Pavor, nicht mal dazu sind Sie fähig. Sie sind doch alles in allem ein Bohème, das heißt, kurz gesagt, ein asoziales Element, ein billiger Oppositioneller, eine Scheißnull. Sie wissen selbst nicht, was Sie wollen, und tun nur das, was man von Ihnen will. Sie geben sich für die Wünsche eben solcher Asozialer wie Sie her und bilden sich daher ein, als freier Künstler das Fundament ins Wanken zu bringen. Dabei sind Sie ein gottverdammter Schreiberling, einer von denen, die sich in öffentlichen Bedürfnisanstalten produzieren.«

Arkadi Strugatzki, Boris Strugatzki: „Gesammelte Werke 6“ Heyne Verlag, 1040 Seiten, 13,99 Euro
Arkadi Strugatzki, Boris Strugatzki: „Gesammelte Werke 6“ Heyne Verlag, 1040 Seiten, 13,99 Euro

Viktor Banev, ein bekannter Schriftsteller, ist ein Trinker, er besäuft sich nicht, er trinkt. In der Provinz besucht er seine Ex-Ehefrau und seine Tochter, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Irma ist ein ernstes Mädchen. Ernst und fortschrittsgläubig. Banev sähe sie ganz gern in einem Internat, was ihn nur ein Gespräch kosten würde. Hinderlich sind seine raubeinige Cowboy-Attitüde und sein Künstlerstolz, die solcherlei Gespräche scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Eines Abends bekommt er einen Schlag auf den Hinterkopf, als er einen Nassmann, einen Aussätzigen, retten will. Tagein, tagaus regnet es. Wenn sich keine Regenwände seitlich der Alleen aufbauen, dann liegt ein feiner Nieselregen in der Luft. In einem in die Jahre gekommenen Restaurant, in dem kalter Essensgeruch in der Luft hängt, trifft Viktor täglich die intellektuelle Elite der Stadt und man isst, witzelt, zerstört Mobiliar und trinkt, bis die Kinder die Stadt, ihre Eltern und die alte Welt verlassen und zu den Nassmännern gehen.

Das fiktive Gesellschaftssystem in »Die hässlichen Schwäne« ist ein totalitärer Nationalstaat, in dem ein angeordneter Patriotismus und ein Fortschrittsglauben zum Schein, die Massen in Schach halten sollen. Wobei sich die Massen selbst in Schach halten, denn alle saufen. Ständig, wiederholt und anlasslos. Der Alkohol ist eine Antwort auf die Kriegsfolgen und die desolaten Zustände in Verwaltung und Parlament. Viktor Banev war im Krieg, wie so viele seiner Generation und er wird immer wieder überwältigt von Panikattacken und grellen Bildern der Erinnerung. Ursprünglich war der Provinzort ein heller und schöner Ort, in dem die städtische Bevölkerung sich gern erholte. Zwar wird das Sanatorium weiterhin betrieben, ähnelt aber inzwischen mehr einer Saufabsteige für Parlamentarier, die sich mit Pornos und Orgien die Zeit vertreiben. Die Zeit scheint angehalten worden zu sein und der Riss wird nur mit den Nassmännern sichtbar, die in einem Leprosorium behandelt werden, abgeschirmt von der Welt und hinter Stacheldraht verstaut. Aber die Nassmänner zeigen sich immer häufiger in der Stadt. Sie sind belesen und vermutlich doch nicht so krank, wie allerorten behauptet wird. Häufig fällt im Buch der Satz, dass sich die Zeiten geändert haben, was äußerlich nicht sichtbar ist. Aber es brodelt unter der Oberfläche. Die Nassmänner stehen für das Andere, für sowjetische Arbeitslager, für verfolgte Juden und Andersfarbige, was die Autoren auch explizit erwähnen, als auch für die Zukunft, die ungewiss ist. Der eingebildete, bzw. aufoktroyierte Fortschrittsglaube wird von den Kindern mit einem seltsamen Ernst betrieben, sodass die Heldentaten ihrer Eltern unwichtig, beinahe überflüssig werden. Viktor Banev hinterfragt dabei unablässig sein Handeln, seine Gedanken und gibt den Kindern insgeheim recht. Unter einer neuen Herrschaft werden die Verantwortlichen und Mitläufer ausgedient haben.

Wären Boris und Arkadi Strugatzki in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer mittelgroßen
US-amerikanischen Stadt geboren worden, hießen sie Ethan und Joel Coen und würden Filme im Stil des Film Noir mit einem Hauch Postmoderne schreiben, drehen und produzieren. Was »Die hässlichen Schwäne« an Komik, brutaler Gewalt und konsequentem und subjektivem Erzählstil aufbieten kann, ist nicht nur zeitlos sondern auch hochaktuell. In ihren Büchern verbinden die Brüder russische Erzähltraditionen mit Science Fiction. Daher laufen ihre Romane und Erzählungen unter dem Label sowjetische Phantastik. Boris und Arkadi Strugatzki haben mit diesem Buch ein präzises Sittengemälde einer vergangenen Zeit geschaffen, dessen Fühler bis weit in die Gegenwart reichen. »Die hässlichen Schwäne« stammt aus dem Jahr 1972 und wurde in der Sowjetunion nicht veröffentlicht. 1982 erschien die Erzählung bei Heyne und ist heute als zweiter Teil von »Das lahme Schicksal« (1986) in der sechsbändigen Werkausgabe bei Heyne erhältlich.

 

Heike Hellebrand

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