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Truman Capote – Kaltblütig

»Du bist ein Mann von großer Leidenschaft, ein Hungernder, der nicht recht weiß, wonach es ihn hungert, ein Enttäuschter, der seine Individualität vergeblich gegen den harten Zwang der Konvention durchzusetzen sucht. Selbstverwirklichung und Selbstzerstörung sind die Extreme der Pseudowelt, in der du lebst. Du hast Kraft, aber in dieser Kraft steckt eine Schwäche, und wenn du sie nicht zu beherrschen lernst, dann wird sie sich stärker erweisen als deine Kraft und dich vernichten. Worin besteht diese Schwäche? Es ist eine gefühlsmäßige Explosivität, die in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Warum? Und warum diese unvernünftige Wut beim Anblick von anderen, die zufrieden und glücklich sind, warum diese zunehmende Menschenverachtung und der Wille, sie zu verletzen?«

Truman Capote: „Kaltblütig“ Rowohlt Taschenbuch Verlag, 480 Seiten, 9,99 Euro
Truman Capote: „Kaltblütig“ Rowohlt Taschenbuch Verlag, 480 Seiten, 9,99 Euro

Der Weizen ist strohgelb, der Himmel zumeist blau und auf einem Plateau steht entweder eine Farm oder ein Friedhof. In einem Café, das Hartmann’s heißt, werden sich die Bewohner der Kleinstadt Holcomb später immer wieder einfinden und über das entsetzliche Massaker vom 15. November 1959 Mutmaßungen anstellen. Dabei werden sie auch immer wieder auf einen Mann von außerhalb treffen, nämlich Truman Capote, der ihnen aufmerksam zuhört. Das Hartmann’s, eine Postfiliale, die von den Einwohnern Regierungsbehörde genannt wird und das Haus der Clutters bilden das Setting in einem der stilbildendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Capote, der sich zu dieser Zeit eher in New Yorks High Society herumtrieb und bekannt mit den IT-Girls seiner Zeit war, begab sich über sechs Jahre auf Spurensuche im mittleren Westen der USA, um die Ermordung einer Familie in Kansas zu rekonstruieren.

Der vierfache Mord an der Farmerfamilie Clutter war von langer Hand geplant, wie sich später herausstellen wird. Capote, der sich unablässig aber auch einfühlsam mit den Tätern, Polizisten und den Bewohnern Holcombs unterhalten hat, lässt uns minutiös teilhaben an dem normalen Leben der Clutters vor ihrem Tod, den späteren Ermittlungen und an der Planung und Durchführung des Verbrechens. Das Grauen zieht in die Köpfe der Bewohner von Holcomb ein und breitet sich Dank medialer Berichterstattung epidemieartig in alle Himmelsrichtungen aus. Zunächst werden die Schlösser ausgetauscht, dann werden die sonst immer offenen Häuser verriegelt und man legt sich noch ein paar Schusswaffen mehr zu. Capotes Tatsachenroman, der sich des Mythos des mittleren Westen bedient, glänzt in seinem geschmeidigen Aufbau, der an filmisches Erzählen erinnert und abwechselnd aus Holcomb und über die Flucht der Täter, zwei ehemalige Strafgefangene, berichtet.

Unzählige Male besuchte Capote Perry Smith und Richard Hickock (Dick), während sie auf die Vollstreckung ihres Urteils, Tod durch den Strang, warteten. Zusammen mit seiner Freundin Harper Lee erstellte er aus mehr als einhundert Interviews ein Psychogramm der beiden Mörder. Diese erschöpfende Tätigkeit brachte ihn beinah an den Rand der Verzweiflung und ein Stück weit näher zu sich selbst. Er sah sich selbst in Perry, einem der beiden Täter – einem Außenseiter, der ihn an seine eigene unglückliche Jugend erinnerte. Die Begegnung mit seiner dunklen Seite ließ ihn sich schuldig fühlen und nach der Veröffentlichung des Buches begann er verstärkt zu trinken.

Aufgewachsen in Alabama, wo man sich auf der Veranda Geschichten erzählte oder seitenlange Briefe vorlas, fing Truman Capote mit 15 Jahren als jüngster Mitarbeiter beim New Yorker an und stieg in kürzester Zeit auf. Das Sehen, Beobachten und Hören, also die Reporterstimme in seinen fiktionalen Geschichten, verlieh seinem Stil eine bis dahin ungekannte Schärfe. »Kaltblütig« wurde 1966 ein Bestseller und begründete den New Journalism. Im selben Jahr richtete Capote den legendären Black and White Ball aus, zu dem er die 500 berühmtesten Persönlichkeiten der USA einlud.

Später befreite er sich von der Rolle des unterhaltenden Künstlers, mit dem man sich schmückt, indem er 1975 mit »Erhörte Gebete« einen Roman veröffentlichte, der mit der High Society abrechnete und ihre persönlichsten Geheimnisse ausplauderte.

 

Heike Hellebrand

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