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Tomas Tranströmer – Strophe und Gegenstrophe

Izmir, drei Uhr (1958)

Gleich vornean auf der fast leeren Straße
zwei Bettler, der eine ohne Beine –
der wurde von dem andern auf dem Rücken herumgetragen.

Sie standen – wie auf einem Mitternachtsweg ein Tier,
in die Scheinwerfer des Autos starrend, geblendet dasteht –
einen Augenblick still und fuhren zu gehen fort.

und bewegten sich wie Knaben auf einem Schulhof
schnell über die Straße, während die Myriaden von Uhren
der Mittagshitze im Raume tickten.

Tomas Tranströmer: „Sämtliche Gedichte“ Hanser Verlag, 264 Seiten, 19,90 Euro
Tomas Tranströmer: „Sämtliche Gedichte“ Hanser Verlag, 264 Seiten, 19,90 Euro

Möchte ich mich diesem Moment hingeben und aushalten, was zu sehen, zu riechen und zu schmecken ist? Tranströmers Gedichte bejahen das Leben in seiner Unwiederbringlichkeit, Klarheit, Größe und seinen Schattenseiten. Den Zeit seines Lebens als Psychologe arbeitenden und wirkenden schwedischen Dichter, er betreute unter anderem jugendliche Strafgefangene, inspirierte in seinen Gedichten häufig die Abfolge der Jahreszeiten. Der November ziert nicht nur auffällig oft die Titel seiner Gedichte, er schenkt ihm auch eine besondere Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit politischen Zeitereignissen, wie in »November in der DDR« (1996), was ihm die höfliche Distanz zur »Absoluten Poesie«, der »L’art pour l’art« der Dichtung, verschafft.

Tranströmer sucht in versunkenen Schätzen nach einem kostbaren Zauber, nach dem ewigen November und stellt ohne Umschweife den sich ankündigenden Wandel in das Scheinwerferlicht seiner Zeilen, wenn es der Moment gebietet. Unterwegs in südlicheren Gefilden scheint die Sonne häufig erbarmungslos, wie in »Lissabon« (1966) – Im Stadtteil Alfama sangen die gelben Straßenbahnen in den Steigungen. // Zwei Gefängnisse gab es. Eins war für Diebe. // Sie winkten durch die Gitterfenster. // Sie schrien, sie wollten photographiert werden! // »Aber hier«, sagte der Schaffner und kicherte wie ein Gespaltener, »hier sitzen Politiker.« Ich sah die Fassade, die Fassade, die Fassade und hoch oben an einem Fenster einen Mann, der mit einem Fernglas vor den Augen dastand und übers Meer hinausblickte.

Die, rückblickend betrachtet, rätselhafte Schönheit und Klarheit des Kalten Krieges beschreibt Tranströmer in ungekünstelter Sprache und ebenso den Mensch inmitten Licht und Schatten zwischen schwedischen Vorstadthäusern, bevor er die großen Städte betritt und sich dem Unvermeidlichen aussetzt, den anderen Menschen und den Beziehungen mit ihnen. Der kühle Blick geht bis Innere, bis in den »Nachtdienst« (1970) – Heute nacht bin ich unten beim Ballast. // Ich bin eines der schweigenden Gewichte, // … // Andre Stimmen drängen sich vor, der Hörer // gleitet wie ein schmaler Schatten am Radio // über das selbstleuchtende Band von Sendern.

Lyrik ist weder pragmatisch noch sonderlich hilfreich bei der Wohnungssuche oder anderen alltäglichen Problemen. Aber das sind Songtexte von Morrissey auch nicht. Lyrik fördert die Erlebnistiefe, die Imaginationskraft, die Sprachvielfalt und trägt ein daseinserhöhendes Element in sich. Und eventuell hilft eine gut ausgeprägte Imaginationskraft sogar bei der Wohnungssuche. Mit der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2015 an den Dichter Jan Wagner für seinen Gedichtband »Regentonnenvariationen« zog die Lyrik für einen langen Moment in die deutsche Öffentlichkeit ein, um sie auch alsbald wieder zu verlassen. Gelesen und geschrieben wird sie weiterhin und von unzähligen kleinen Verlagen dem Konsumenten bereitgestellt.

Tomas Tranströmer debütierte 1954 als Dreiundzwanzigjähriger mit seinem Gedichtband »17 Gedichte« und erhielt 2011 den Nobelpreis für Literatur. Er starb im Frühjahr dieses Jahres und hinterließ 500 Seiten einzigartige Poesie, die klug ausbalancierte Reaktionen auf extrem politische Zeiten mit feinen Zwischentönen kombiniert.

 

Heike Hellebrand

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