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Erzähl doch mal, wie war es eigentlich beim Literarischen Quartett?

Eine Sache vorab: Die Autorin hat keines der im Literarischen Quartett besprochenen Bücher gelesen, sie aber der Ordnung halber in diesem Text untergebracht.

Ja, wie war es also. Zunächst, bevor einer überhaupt Einlass gewährt wird, muss man sich eine der Freikarten besorgen, was ich damals spät in der Nacht, kurz vor der ersten Sendung getan habe und mir so einen Zuschauerplatz in der zweiten Ausstrahlung des Literarischen Quartetts sichern konnte. Meine Bedenken gegen Fernsehaufzeichnungen täglich über Bord werfend, kam dann der Tag der Aufzeichnung. Ich begann den Tag mit einem Besuch beim Friseur, in der Hoffnung, so nicht allzu verwildert auszuschauen, falls mein Gesicht kurz im Hintergrund auftauchen sollte, aber es kam alles anders und war doch sehr viel entspannter als angenommen.

Das Berliner Ensemble hatte ich zuletzt besucht, als es noch die D-Mark gab, so zumindest meine Erinnerung an die Lesung von Max Goldt, die Benjamin von Stuckrad-Barre damals nach einer halben Stunde verließ, was ich aufgrund der kleinen Sottise von Max Goldt in Richtung Benjamin von Stuckrad-Barre zwar etwas übertrieben fand, aber so ist das mit den Eitelkeiten. Aber zurück zum fünften November 2015, wo es zwar auch um Eitelkeiten ging – es war schließlich eine Fernsehaufzeichnung einer Sendung, die angetreten ist, eine große kulturelle Institution wiederzubeleben – aber die Eitelkeiten hier wirkten etwas aufgesetzt, zu bemüht. Was auch nicht verwundern sollte, da der Typ ‚große eitle Persönlichkeit‘ in unseren Fernsehwelten ausgestorben zu sein scheint, da die Postmoderne Hybris und Eitelkeit versucht zu vermeiden, wie FernsehmoderatorInnen Kohlenhydrate und Fett.

Am frühen Nachmittag traf ich vor dem Berliner Ensemble ein und sah bereits von weitem Maxim Biller neben Bertolt Brecht auf dem Brecht-Denkmal sitzen. Wunderbar, freute sich mein kindliches Gemüt als auch meine Liebe zu Inszenierungen vor der eigentlichen Inszenierung vor Theaterhäusern. Nach diesem kurzen frischen Moment und dem Betreten des Theaters, ich hatte den Fehler gemacht, alleine hinzugehen, wurde es etwas zäh und ermüdend. Wir Zuschauerstatisten warteten eine Weile, nippten an kostenlosen Säften, schauten Maxim Biller dabei zu, wie er permanent von A nach B rannte und ich hörte nebenbei einigen Gesprächen zu, wo es um das Verlagsgeschäft und das Berliner Ensemble ging.

Zeruya Shalev: „Schmerz“ Berlin Verlag, 368 Seiten, 24,00 Euro
Zeruya Shalev: „Schmerz“ Berlin Verlag, 368 Seiten, 24,00 Euro

Dann war es endlich soweit und wir stürmten allesamt in das Spiegelfoyer. Wir wurden weder platziert, noch sonst wie gegängelt, was mich etwas erleichterte. Es sollten nur keine freien Sitze zu sehen sein, von denen es etwa eine Handvoll am Rand gab. Und genau dort saß ich – in den hinteren Reihen. Nach den Worten meines Sitznachbarn: „Hier sitzen wir prima. Hier erwischt uns die Kamera nicht.“, ging es auch schon los und er sollte recht behalten. Hinzuzufügen wäre noch, dass vor uns drei junge Damen saßen, die ununterbrochen kicherten und einander etwas zuflüsterten, sobald Herr Biller anhob zu reden, was meine Konzentration auf das Geschehen etwas minderte.

Christine Westermann begann mit einem Roman von Zeruya Shalev, während die vier Kameras sich unaufhörlich zu bewegen begannen. Vor, zurück, zur Seite, ran. Ein Kamerawalzer im Spiegelfoyer des Berliner Ensemble. »Schmerz« erzählt die Liebesgeschichte einer durch einen Terroranschlag schwer verletzten israelischen Lehrerin, die nach einer Wiederbegegnung mit ihrer Jugendliebe beginnt ihrer Ehe zu entfliehen. Die Lobeshymne von Frau Westermann recht schnell unterbrechend, wandte, ihr zur Seite sitzend, Herr Biller ein, dass die Liebesgeschichte unglaublicher Kitsch sei und dementsprechend ins Privatfernsehen gehörte. Die Wortgefechte gingen ein wenig hin und her, bis die großartige Ursula März die Diskussion an sich riss und Herrn Biller unterstützend beipflichtete, dass der Roman sich am Schluss in eine heile Welt flüchtet. Hernach erklärte Maxim Biller noch ausführlich, warum das Buch den Bad Sex Award verdient hätte.

Boris Sawinkow: „Das fahle Pferd“ Galiani Berlin Verlag, 304 Seiten, 22,99 Euro
Boris Sawinkow: „Das fahle Pferd“ Galiani Berlin Verlag, 304 Seiten, 22,99 Euro

Der nächste an der Reihe war Herr Biller. Er stellte »Das fahle Pferd« von Boris Sawinkow vor, einen autobiografischen Tagebuchroman eines Terroristen im zaristischen Russland Anfang des 20. Jahrhunderts, den er als hardboiled und aktuell bewarb. Während Maxim Biller Andreas Baader ins Spiel brachte, sah Ursula März in der Figur des Terroristen eher den Auftragsmörder und Terroristen Carlos. Also eher jemanden, der mit dem Terror ein Geschäft betreibt und sich mit geborgter Philosophie die Welt erklärt, als einer Ideologie nachzuhängen. Volker Weidermann, welcher auch als Moderator in der Sendung fungiert, erklärte, warum er die Liebesgeschichte innerhalb des Romans als kitschig empfindet und hier begannen dann doch die Eitelkeiten durchzublitzen. „Sie haben sich nicht gehen lassen“, bemerkte Maxim Biller spitz, als Volker Weidermann ironisch eine doch höchst kitschige Stelle des Romans zitierte.

Tilmann Lahme: „Die Manns - Geschichte einer Familie“ S. Fischer Verlag, 480 Seiten, 24,99 Euro
Tilmann Lahme: „Die Manns – Geschichte einer Familie“ S. Fischer Verlag, 480 Seiten, 24,99 Euro

Volker Weidermann stellte dann Tilmann Lahmes Biografie »Die Manns – Geschichte einer Familie« vor, welche Auszüge aus Briefen enthält, die 2013 in einem Archiv in Zürich entdeckt worden sind. Allen acht Familienmitgliedern der Manns ist im Buch der gleiche Raum zugestanden worden, wobei die tragende Figur Thomas Mann bleibt, dessen versteckte Homosexualität Zeit seines Lebens unter anderem sein literarischer Antrieb war. Frau März und Herr Biller gaben gleich zu Beginn kund, der Manns doch etwas müde zu sein. Zudem sah Ursula März in dem Buch einige Grenzverletzungen und bezeichnete es als Enthüllungsprosa. Das darauf folgende Streitgespräch zwischen Maxim Biller und Volker Weidermann über die politische Wandlung von Thomas Mann, der in der damaligen Euphorie den Ausbruch des ersten Weltkrieges bejubelte, zum Befürworter der Weimarer Republik, ist mit Abstand der interessanteste und emotionalste Part des Abends.

Verena Lueken: „Alles Zählt“ Kiepenheuer & Witsch Verlag, 208 Seiten, 18,90 Euro
Verena Lueken: „Alles Zählt“ Kiepenheuer & Witsch Verlag, 208 Seiten, 18,90 Euro

Ursula März schloss den Buchreigen mit dem Roman »Alles zählt« von Verena Lueken, in dem eine in der Lebensmitte angekommene Journalistin sich der Diagnose Lungenkrebs stellt und sich anfangs in ihrer Wahlheimat New York behandeln lässt. Dabei findet sie Halt in US-amerikanischer Kultur. Mittels Filmen und Literatur zeichnet sie die Stationen ihres Lebens nach, welches in der düsteren und verschwiegenen Atmosphäre Nachkriegsdeutschlands begann. Die Diskutanten, inzwischen etwas friedlicher gestimmt, sind sich uneins darüber, ob der Aufbruch nach Myanmar eher die Qualität einer Abenteuerreise hat oder mehr der Anlass dafür ist, sich im Alltag mehr dem Moment zu widmen.

Auch wenn Maxim Biller zuweilen keine sympathische Figur abgibt, so ist er doch in der Rolle des Provokateurs gut besetzt und mit am unterhaltsamsten. Aber die eigentliche Gewinnerin des Abends war unbestritten Ursula März.

Die Sendung vom 6. November 2015 ist in der Mediathek abrufbar und der nächste Sendetermin für das Literarische Quartett ist am 11. Dezember 2015.

 

Heike Hellebrand

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