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Clemens Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

»Seit Markus ließ sie niemanden mehr in ihren Körper, außer in den Mund.«

Clemens Setz: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ Suhrkamp Verlag, 1021 Seiten, 29,95 Euro
Clemens Setz: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ Suhrkamp Verlag, 1021 Seiten, 29,95 Euro

Die schlauen Sprichwörter und Zitate fehlen immer dann, wenn man sie am meisten braucht. Also jetzt und gerade eben. Als jemand mit einer Stalking-Vorgeschichte war mir klar, dass Clemens Setz Roman »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« für mich nicht einfach werden wird. Aber ich wusste, worauf ich mich einlasse. Letzten Sommer gab es zu dem Thema bereits zwei Bücher, wobei mich Judith Hermanns »Aller Liebe Anfang« eher ratlos zurückgelassen hat und Mary Scherpes Buch »An jedem einzelnen Tag – Mein Leben mit einem Stalker« aufgewühlt hatte und ich darin Szenen und Denkschemata wiedererkennen konnte.

Natalie ist ein Weltphänomen, sie ist 21 Jahre alt, immer vernetzt und liebt alles, was »weltumspannend« ist, wie Live-Sendungen und Stephen King. Vor kurzem hat sie ihre Ausbildung beendet und in einer privaten Betreuungseinrichtung begonnen zu arbeiten. Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und streunt in ihrer freien Zeit durch die Stadt, in der sie fremde Männer oral befriedigt und dabei deren Stimmen mit dem iPhone aufnimmt. Wenn sie nervös wird, hört sie sich zur Beruhigung die eigenen Essgeräusche an oder schneidet die Stimmen der willkürlichen Begegnungen noch einmal neu zusammen. Währenddessen läuft zusätzlich eine Live-Sendung im Fernsehen und ihre Katze »Chat« schleicht ihr um die Beine. Die Welt ist dann im Gleichklang und ihre Abwesenheit in den sexuellen Begegnungen ist durch die willkürliche Live-Übertragung wieder ausgeglichen.

Eine nicht unwesentliche Rolle in ihrer Internetkommunikation nimmt der Cleverbot ein. Er ist eine »Künstliche-Intelligenz-Dialogmaschine«, die seit den Neunzigern mit Menschen redet. Die Maschine wird seitdem immerfort mit Gesprächszeilen gefüttert. Die Gesprächszeilen werden von einem Gesprächspartner an den nächsten weitergereicht. Aus einer Datenbank von Millionen von Antworten sucht ein Algorithmus die möglichst passende Antwort auf einen Satz, eine Frage und dann entsteht ein Gespräch, welches sich zuweilen kaum von »normalen« Gesprächen unterscheidet.

Normal ist bei Natalies Arbeit als Pflegerin kaum etwas. Als sie in den Kreis der Betreuerinnengespräche aufgenommen wird, fühlt sie sich allmählich erwachsen und sie sucht immer aufmerksam nach den richtigen Worten, denn nichts ist mehr verletzend als die falschen Worte. Aber sie wird immer wieder in die Fallen ihrer Arbeit tappen und versuchen sich mit Nonsequitur oder dem Cleverbot abzulenken. Ihr zugeteilt sind zwei Männer, Mike und Herr Dorm. Mike ist scheu und vor allem dafür bekannt, mit geklauten Schminkutensilien der Betreuerinnen sein Zimmer undefinierbar zu bemalen. Herr Dorm ist ein Stalker, vermutlich unheilbar, und an einen Rollstuhl gefesselt. Er bekommt regelmäßig Besuch von Herrn Hollberg, dem Gestalkten, dessen Frau sich aufgrund von Herrn Dorm umgebracht hat. Diese rätselhafte Konstellation, dieses Arrangement, wie es von den Betreuerinnen genannt wird, lässt Natalie nicht mehr los.

Clemens Setz ist ein grausamer und zugleich ein sehr kluger Autor. Sein Roman ist stilistisch so aufgebaut wie eine einzige Trauma-Erfahrung, wobei er jedem traumatischen Moment eine Flauschsekunde folgen lässt, in der zum Beispiel Natalie und ihr Ex-Freund harmlose Gespräche über unsichtbare Flauschwesen führen. Jedem Moment, in dem Natalie an den schwebenden Kopf von Herrn Dorm vor dem Küchenfenster von Herrn Hollberg denkt, ist ein Scifi-Moment gegenübergestellt, in dem entweder Alephs die Welt durcheinanderbringen oder Erinnerungen an den Vorabend im Souterrain.

Das Souterrain ist für die an Epilepsie leidende Natalie ein Zufluchtsort, den man allenfalls postpubertär bestimmen könnte. Es ist kein Jugendclub und keine gewöhnliche Kneipe, sondern ein Ort, an dem Menschen mit ihren Sinnen und ihrem Körper experimentieren können. Der »Open Space« garantiert Natalie flüchtige Bekannte und Menschen, die sich um sie kümmern.
Natalies Streunertum geht konform mit den Obdachlosen, die sich hin und wieder im Souterrain blicken lassen und sie verliebt sich Hals über Kopf in einen Lederjacke tragenden Dealer ohne Obdach. Vor ihm kann sich das gut ausgelotete System Natalie mit unsichtbarer Maus auf der linken Schulter leider nicht abschirmen. Ihre erste ungute Machtbeziehung? Wer weiß.

Dem in Graz lebenden Schriftsteller Clemes Setz ist ein innerer Monolog von großer Weltgewaltigkeit gelungen. Salinger wird kurzerhand als »laut« beschrieben, Oktopusse genießen Kultstatus und jeder sprachliche Moment mit der Außenwelt durchbricht den immerwährenden inneren Monolog, sodass sich das Machtgefüge für eine Sekunde umkehrt und der Schmerz für einen Moment vorbei ist.

 

Heike Hellebrand

One Comment

  1. […] sich der innere Monolog um einige wesentliche Punkte von dem letzte Woche besprochenen Roman von Clemens Setz. Christines, oder auch Chrissis, Gedanken kreisen vor allem um Heimlichkeiten. Dinge, die sie vor […]

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