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Charlotte Roche – Mädchen für alles

Charlotte Roche: „Mädchen für alles“ Piper Verlag, 240 Seiten, 14,99 Euro
Charlotte Roche: „Mädchen für alles“ Piper Verlag, 240 Seiten, 14,99 Euro

»Morgens erzähle ich Jörg, dass ich hier raus muss und in die Stadt will. Bummeln. Das schlimmste deutsche Wort, finde ich. Er glaubt’s. Hat auch verstanden, dass Mila wieder mal in seiner Obhut sein wird. Rabenmutter. Elstermutter. Pelikanmutter. Kuckucksmutter. Schraubenmutter. Mutterkuchen.«

Einer mitteleuropäischen Frau mit finanziellem Rückhalt bieten sich viele Optionen für den Fall, dass sie in eine Krise gerät und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird das vorgebliche Ende des Buches eine Seltenheit bleiben. Christine, die Hauptfigur in Charlotte Roches drittem Roman, hat einen Plan und um diesen umzusetzen, braucht sie eine treue Begleiterin. Jemand wie Marie. Marie ist die neue Haushaltshilfe, jung und bildschön. Sie erledigt kommentarlos alles, was ihr aufgetragen wird und lächelt dabei. Schließlich wird sie dafür bezahlt. Aber Christine braucht nicht nur eine Haushaltshilfe sondern auch noch eine Freundin und Liebhaberin. Eben ein Mädchen für alles. Und Marie lässt sich auf diese ungewöhnliche Liaison ein.

»Mädchen für alles« ist ebenfalls ein Roman der Innerlichkeit, allerdings unterscheidet sich der innere Monolog um einige wesentliche Punkte von dem letzte Woche besprochenen Roman von Clemens Setz. Christines, oder auch Chrissis, Gedanken kreisen vor allem um Heimlichkeiten. Dinge, die sie vor ihrem Mann verborgen hält, wie heimlich betriebener Sport, ihre sexuellen Fantasien mit Marie und an ihre ehemaligen Freundinnen denkt sie wahlweise voller Hass oder voller Wehmut. Aus ihrem alten Leben hat sie Drogen und Alkohol mit hinüber gerettet, auch wenn sich die Exzesse etwas verkürzt haben und weniger häufig stattfinden.

Wenn Charlotte Roche einen neuen Roman geschrieben hat, dann erwartet die Leserschaft Fernsehthemen in Buchform und die bekommt sie auch geliefert. Christines Lieblings-DVD ist ein Elvis-Konzert, sie umwickelt einmal ihre Taille mit Gaffa-Tape, um für Marie schön auszuschauen und hin und wieder flitzt ein Hund durchs Fernsehthemengebiet. Wer in den 90ern dabei war, ist heute froh, andere Hobbys zu haben.

Das Buch ist natürlich lustig geschrieben und die Verballhornung, auf typisch rocheske Weise, von 50er Jahre Melodramen, in denen Frauen hinter schweren dunklen Vorhängen ihre Tage und ihre Ehe fristeten, lässt die Leserin schmunzeln und zugleich nachdenklich werden. Denn darum geht es auch – »Regretting Motherhood«. Wobei das Kind, die Tochter Mila, vielleicht fünf Mal im Buch auftaucht und dann vom Papa auf dem Arm durch die Gegend getragen wird. Im Kontrast dazu steht der banale und trashige Gedankenfluss, welcher nicht sonderlich aufschlussreich ist.

Ein bisschen Familienkram.
Ein bisschen Sex.
Ein bisschen Flugangst.

Ist es das, was gutsituierte mitteleuropäische Frauen in ihren intimsten Momenten beschäftigt oder ist da mehr?

 

Heike Hellebrand

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