Skip to content

Dussmann – Das Kulturkaufhaus

Das Berlin der Neunziger war eine Zeit der Zwischennutzungen von Gebäuden und jedes Ende einer Zwischennutzung verursachte einen kleinen Stich im Herzen der Partygänger*innen. Für einen Moment war die Party vorbei und man hielt kurz inne, um sich schweren und zugleich freudigen Herzens mit einer neuen Location anzufreunden. Die Partymacher*innen blieben zumeist die gleichen. In dieser Zeit der Umbrüche und des Baubooms, wandelte sich die ehemalige Flaniermeile Friedrichstraße von einer, während der DDR-Zeit vernachlässigten, Seitenstraße des Hauptboulevards »Unter den Linden« hin zu einer Shoppingmeile.

Was hat man sich anfangs gefürchtet vor dem Dussmann-Kulturkaufhaus. Der Kommerz zieht ein in die Stadt und wird alle kleinen Buchhandlungen Berlins vernichten. Dass viele kleine und feine Buchhandlungen inzwischen tatsächlich schließen mussten, ist nicht Dussmann anzulasten, sondern einem anderem Riesen. Die geneigte Leserin und der geneigte Leser wissen um die Anspielung. Daher hat sich auch die Wahrnehmung verändert und man ist dankbar über das Kulturkaufhaus, in welchem auch Lesungen und Musikveranstaltungen stattfinden, inmitten von Modegeschäften, Kaffeeketten, Autogeschäften und neumodischer Streetfood-Kultur. Das Kaufhaus ist zum Wahrzeichen der Friedrichstraße geworden und jede Berlinerin, jeder Berliner hat in all der vergangenen Zeit eine Geschichte bei Dussmann erlebt, die sie oder er später auf einer Party zum besten gegeben hat. Und in der Vielzahl handelt es sich um solche Geschichten die mit: »Weißt du, wen ich neulich bei Dussmann gesehen habe?« beginnen.

Wenn mich jemand fragen würde, wo ich seit Eintritt ins Studierendenleben am häufigsten Bücher gekauft habe, würde ich wahrheitsgemäß »Dussmann« antworten. Endlose Reihen von Reclambändchen durchsuchend nach dem gewünschten Band für das Seminar nächste Woche, wurde man hier immer fündig und unkompliziert bedient. Wer in der Friedrichstraße arbeitet, geht schon mal in der Mittagspause zu Dussmann, um einzukaufen, abzuschalten oder um in den Lesesesseln zu verschwinden.

Mit der Eröffnung des Dussmann-Kulturkaufhauses tauchte in meinem damaligen Freundeskreis ein neues Phänomen auf. Während tagsüber in den Verkaufsräumen Student*innen eher selten oder nur kurz anzutreffen waren, so tummelten sie sich in der Abendstunden zuhauf vor Bücherregalen und Musikstationen mit Kopfhörern. Man ging abends, wenn man nichts weiter vor hatte, zu Dussmann, um sich neue CDs anzuhören und eventuell Bücher zu kaufen. Das Ende der Neunziger war noch eine prädigitale Zeit und um sich neue »Platten« anzuhören, musste man in ein Musikgeschäft gehen. Dafür eignete sich Dussmann hervorragend, zumal durch einen winzigen Trick die gesetzlichen Beschränkungen für Ladenöffnungszeiten umgangen wurden, indem mit der »Prokuristenregel«, nach der leitende Angestellte auch außerhalb der gesetzlichen Öffnungszeiten arbeiten dürfen, Dussmann einen Teil seiner Mitarbeiter zu leitenden Angestellten ernannte.

Momentan wird das Kaufhaus umgebaut und erhält ein neues Store-Konzept. Die Abteilung für Sach- und Reisebücher sowie Kinder- und Jugendbücher in der 2. Etage wurde komplett saniert und nach viermonatigen Umbauarbeiten im November neu eröffnet. Das Sortiment umfasst 50.000 Bücher für Kochen, Reisen, DIY, Kunst, Film und Musik sowie eine neue Kinder-und Jugendbuch-Abteilung. Im Sommer wurde bereits die Fachbuch-Abteilung in der 3. Etage des Medienkaufhauses neu organisiert. Das gesamte Haus wird bis 2017, zum 20jährigen Jubiläum, schrittweise modernisiert. Die Modernisierungsarbeiten finden während des laufenden Betriebs statt, wobei die Öffnungszeiten unverändert bleiben: von Montag bis Freitag von 9-24 Uhr, Samstags von 9-23:30 Uhr. Das Veranstaltungsprogramm an der KulturBühne mit Lesungen, Kurzkonzerten und Signierstunden bei freiem Eintritt wird fortgeführt.

Laut Eigenaussage bleibt Dussmann Dussmann und man sich selbst den Wurzeln treu. Auch in Zukunft wird Dussmann demnach ein Medienkaufhaus bleiben, das es mit seiner Produktvielfalt international kein zweites Mal gibt. Gutes bleibt, Neues kommt: Beliebte Abteilungen werden vergrößert und neue kommen hinzu. Zu viel möchte man nicht verraten, denn Vorfreude ist schließlich die schönste Freude.

Dussmann – Das Kulturkaufhaus

 

Heike Hellebrand

Be First to Comment

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *