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Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

»An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen. Der Wolf kam von Osten. Er lief über das Eis der zugefrorenen Oder, erreichte das andere Ufer des Flusses und bewegte sich dann weiter Richtung Westen. Hinter dem Fluss stand die Sonne noch tief über dem Horizont.«

Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ S. Fischer Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro
Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ S. Fischer Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro

Wenn Menschen verschwinden, als vermisst gelten, beginnen ihre Liebsten und nächsten Angehörigen sich auf die Suche zu machen. Nicht selten gerät diese Suche nach einer geliebten, verschwundenen Person zu einem Selbstfindungsprozess, wenn die Zeit sich zieht. In Roland Schimmelpfennigs Romandebüt »An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts« suchen ein Mädchen und ein Junge einen Ausweg aus einem brandenburgischen Dorf und landen in Berlin, um einen Freund des Jungen zu suchen, der wiederum immer noch auf der Suche ist.

Die Eltern der Kinder, ein arbeitsloser Alkoholiker, Vater des Jungen und eine gewalttätige, ehemals bekannte Künstlerin, Mutter des Mädchen, werden während der Suche nach ihren Kindern mit ihrem eigenen Versagen konfrontiert, immer begleitet von einem Wolf, dem MacGuffin des Romans. Dem Wolf lässt sich so einiges zuschreiben, wenn man Interesse daran hat. Aber er ist nur das Angstwesen, auf den alle Wünsche und jeglicher Kontrollverlust projiziert werden können. Der Wolfsmythos wird später zur Realität sowie es der Fuchsmythos geworden ist. Es gibt fotografische Aufnahmen des Wolfs und unzählige Menschen haben ihn inzwischen in Berlin gesehen.

Der Roman lässt versunkene Zeiten anklingen, Reue und Wut. Die Fluchtbewegungen der Protagonisten lassen sich gut kartografieren. Den brandenburgischen Orten kann man genauso wie den Berliner Straßenzügen mit dem Finger auf der Landkarte folgen. Es ist noch nicht das neue Berlin, aber auch längst nicht mehr das alte. Jeder Bezirk lässt eine Gefühlsregung, eine Erinnerung erklingen.

»Das Zusammenzucken, das Innehalten, das Wittern wurden Überlebensinstinkte unter zwei auf einander folgenden Diktaturen.« Hans Hütt bezieht sich hier auf Guntram Vesper

Der leicht lesbare und melancholische Roman steht zurecht auf der Shortlist des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse, weil in all seiner Manier, eine Drehbuchvorlage für einen Film von Tarkowski zu sein, die Figuren in ihrer lakonischen Beschreibung für eine gegenwärtige Gesellschaft stehen, die sich selbst hinterfragt und hinterfragen muss. Ob Männer, Frauen, Alte, Junge, Trinker*innen, Schläger*innen, Künstler*innen, Arbeitslose und Bauarbeiter*innen: Berlin und darüber hinausgreifend – die BRD ist ein Staat, der verschwindet. Was nichts schlechtes bedeuten muss. Kurze Abrisse von Ost- und West-Biografien, in den Roman eingestreut und als Bindemittel fungierend, sind Relikte einer vergangenen Zeit sowie es die Fluchttunnel von Berlin sind.

Das Auftauchen des Wolfs wird bis nach Berlin getragen und dort hört man ihn überall heulen in der Nacht. Wie eine Ratte, die ihrer eigenen Pinkelspur folgt, zieht der Wolf durch Berlin und bewegt die Gemüter. Tomasz, der ihn als erstes fotografiert hatte, träumt davon, Agnieszka, eine Tag und Nacht arbeitende Putzkraft zu heiraten. Tomasz hat aber ein Problem. Er kann gut reden – aber nur mit sich selbst. In einer Szene in einem entkernten Haus, einem vergangenen Traumbild, einem vergangenen Kriegsszenario gleich, heißt es:

»Das Gewehr lag neben ihm. Er schlief für Minuten ein, wachte auf, schlief wieder ein und schreckte bei einem Geräusch wieder hoch. Es wurde hell. Eine alte Frau ohne Zähne stand in dem Schutt und sagte immer wieder: Hier ist er nicht. Hier ist er nicht. Die Frau sah ihn nicht. Sie trug einen Hausmantel. Sie war dürr, abgemagert. Die alte Frau stand noch eine Weile so da, dann ging sie. Tomasz hörte ihre Schritte auf der Treppe.«

Im (»in« für Nicht-Berliner) Prenzlauer Berg kann heutzutage niemand mehr verschwinden. Es ist eigentlich unmöglich. Früher war das aber anders.

Der Berliner Verein „Straßenkinder e.V.“ zählt allein für die deutsche Hauptstadt eine je nach Jahreszeit zwischen 3.000 bis 5.000 schwankende Anzahl von minderjährigen Obdachlosen.

Quelle: Straßenkinderreport

 

Heike Hellebrand

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