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Irma Nelles – Der Herausgeber

»Dass er über alles Berufliche hinaus eine Figur war, die einen Shakespeare verdient, sei nur so dahingeknirscht, hat der Dichter vom Bodensee ihm nachgerufen. Ich habe ihn einmal, als wir uns nicht mehr für ganz nüchtern halten konnten, getragen, eine Treppe hinab und hinüber zum Taxi. Er war leicht. Mehr Vogel als Stein. So leicht, als bestünde er aus lauter Gedanken. Er war schneidig. Er war liebenswürdig. Am liebsten würde ich sagen: er war ein toller Kerl.«

Irma Nelles: „Der Herausgeber“ Aufbau Verlag, 320 Seiten, 22,95 Euro
Irma Nelles: „Der Herausgeber“ Aufbau Verlag, 320 Seiten, 22,95 Euro

Paul Fidrmuc (Aussprache: Fiedermutz), ein Cousin meines Großvaters und ein ehemaliger Abwehragent, schrieb Anfang der 50er als Spanienkorrespondent für den SPIEGEL. Augstein war gerade mal 27 Jahre alt und der jungen Redaktion fehlte es an Geld und internationalen Kontakten. Bald schon verbreitete sich das Gerücht, dass Fidrmuc‘ Informationen zwar exklusiv, aber doch häufig von nicht ganz richtiger Natur waren. Der Ex-Spion schien seiner Arbeitsweise treu geblieben zu sein, hernach er Erfundenes mit Tatsachen vermischte und häufig damit nah an der Wahrheit entlang schrammte. Augstein und sein Redaktionsleiter Hans Detlev Becker sowie Horst Mahnke  reisten für einen Kurzurlaub an die Costa Brava und man verstand sich prächtig. Daraus entstand eine Freundschaft, die bis zum Tod von Paul Fidrmuc anhielt. In seinen Briefen, die sich im Archiv des Spiegels befinden, sprach Fidrmuc Rudolf Augstein gerne mit „Don Rodolfo“ an.

»Ein ehemaliger Abwehragent aus Lissabon wurde von Hamburg aus geführt von zwei ehemaligen SS-Hauptsturmführern, Mahnke und Wolff. Eine hässliche Vorstellung heute, aber der SPIEGEL, so lautete die Argumentation Augsteins, brauchte Leute, die die Apparate, um die es ging, so gut kannten, dass sie in der Lage waren, darüber zu schreiben. „Natürlich habe Augstein nicht bewusst nach SS-Leuten für den SPIEGEL gesucht“, schreibt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, aber „sie brachten ein Wissen mit, das die jungen SPIEGEL-Redakteure nicht hatten“.«

In den Wirren der Nachkriegszeit trafen so im erst allmählich wieder zu sich selbst findenden Journalismus Agenten, Nachrichtenhändler und ehemalige Nazis aufeinander. Die Stunde Null des Journalismus war geprägt von einer Gleichzeitigkeit von Apologie und Aufklärung. Erst Ende der 50er Jahre positionierte sich der SPIEGEL deutlich gegen Antisemitismus, Verdrängung und Verleugnung.

In ihren Erinnerungen an Rudolf Augstein schreibt Irma Nelles zu Beginn, dass ihr Vater oft sagte: »… im Spiegel, da stehe über die Hitlerzeit wenigstens alles richtig drin.« Als Tochter eines Pfarrers einer alt-katholischen Gemeinde in Nordfriesland wächst sie im Nachkriegsdeutschland auf. Von der Spiegel-Affäre erfährt sie im Schulunterricht und ihr Vater abonnierte daraufhin den SPIEGEL. Irma Nelles heiratet früh und bekommt schnell zwei Kinder und siedelt mit ihrem Ehemann nach Bonn um. In der Zeit der Studentenunruhen und der aufkommenden Frauenbewegung hat sie allmählich den Verdacht »in eine Art Courts-Mahler-Roman geraten« zu sein und bewirbt sich als Sekretärin in der Bonner Dependance des SPIEGELS. In einem angenehmen, zuweilen urkomischen lakonischem Stil, der sich auch durch das gesamte Buch zieht, beschreibt sie ihre Scheidung, deren Gelingen davon abhing, den Anwalt mit den besten Verbindungen zu finden und wie sich schlussendlich das getrennte Ehepaar auch ohne die Anwälte einigt.

In dieser Nachkriegsleere, in der Plattitüden die Realität zukleisterten, wie es die Dialoge in Eugene Ionescos Stück »Die kahle Sängerin« tun, ist der SPIEGEL samt seiner whiskeytrinkenden, schnoddrig witzelnden Redakteure ein willkommenes Refugium für Irma Nelles, wobei sie vieles seltsam und aus der Beobachterposition heraus auch komisch findet. Während der Guillaume-Affäre 1974 amüsiert sie sich mit ihren Freundinnen über die BILD-Schlagzeile »Machte Kanzler-Spion Porno-Fotos« und begegnet bald darauf dem Herausgeber zum dritten Mal auf dem FDP-Parteitag in Hamburg.

Es wird eine Niederlage für den politisch ambitionierten, hüpfenden und zierlichen Mann werden, der sich selbst oft ironisch als Opfer der Frauen stilisierte. Ein Jahr später wird Irma Nelles aufgetragen, in einem kleinen Schweizer Skiort Augstein ein Tonband und ein paar Umschläge auszuhändigen. Hier beginnt das Jahrzehnte währende platonische Verhältnis, welches geprägt ist von langen zeitlichen Abständen, in denen sie sich nicht sehen, Gefühlsausbrüchen, Irrwitz und Momenten der Nähe. Umgeben von Augsteins Freunden wie Henri Regnier und seiner Frau Antonia Hilke wird ihr Ende Mai 1978 an der Côte d’Azur nahegelegt, sich um Augstein zu kümmern. Er brauche jemanden, der ihm eine Suppe kocht. Sich in dieser Rolle, in die man sie drängen möchte, nicht wohl fühlend, bleibt sie zunächst auf Abstand. Über die Jahrzehnte wird sich das aber ändern.

Das viel benutzte Wort Memoir im Literarischen Quartett vom 26. Februar 2016 lässt sich hier ohne Umschweife anwenden. Eingebettet in lange Spaziergänge und ebensolche Gespräche, wirken die eingestreuten Anekdoten, wie ein bekiffter oder ein über Hitler witzelnder Rudolf Augstein, galant literarisiert und zu den Erinnerungen wie selbstverständlich dazugehörig. Augstein wurde mit 18 Jahren zum Krieg eingezogen und es ist darum schwer verwunderlich, dass diese Zeit des Krieges sowie der Nationalsozialismus bestimmende Themen seines Lebens wurden. In seinen dunklen Momenten, in denen Distanz und Humor nicht greifbar sind, zieht er sich zurück oder er gibt sich dem Alkohol hin. Wobei er munter öffentlich weiter trinkt, Wochen aussetzt oder eine Entziehungskur in Kalifornien macht.

Irma Nelles, die Jeans und Turnschuhe tragende Frau, entspricht Augsteins Vorstellungen von einer modernen Frau, die ihm Paroli bietet. Später wird sie bis zu seinem Tod seine Büroleiterin sein. Versprachen ihm die ausgehenden 50er und die saftigen 60er Jahre noch den Zeitgeist des Glamour mit ausklingendem Offizierskasinoton, so tauscht er den vergangenen Prunk und Glanz gegen ein einfaches Leben ein:

»Mein Kühlschrank ist auch dein Kühlschrank, und dein Kühlschrank ist mein Kühlschrank, antwortete Rudolf etwas abwesend, in dem er seinen Kühlschrank öffnete und wiederum längere Zeit hineinsah. Kollegial, um nicht zu sagen, kommunistisch gestimmt, saßen wir schließlich vor unserem irgendwie gemeinsamen Kühlschrank an dem ungefähr fünfzig Quadratzentimeter großen Ausziehtisch auf griechisch anmutenden Hockern, aßen Brote mit Schinken und Leberwurst, der Herausgeber auch noch ein Knäckebrot, dieses Mal mit einer überlappenden Scheibe Käse.«

 

Heike Hellebrand

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