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Wir kommen – Ronja von Rönne

»Schau, das ist die Welt. Schau, das ist die Nacht. Schau, das ist das Warten. Schau, das ist Leere.«

Ronja von Rönne: „Wir kommen“ Aufbau Verlag, 208 Seiten, 18,95 Euro
Ronja von Rönne: „Wir kommen“ Aufbau Verlag, 208 Seiten, 18,95 Euro

Eine Kollegin fragte mich neulich auf der Arbeit, warum ich »Wir kommen« von Ronja von Rönne lese. »Weil es mich interessiert, wie sie schreibt«, sagte ich. Und um die politisch und feministisch aktive Kollegin etwas versöhnlich zu stimmen, fügte ich hinzu, dass der Inhalt eher »Banane« sei. Aber das stimmt so nicht. Gegenwartsliteratur hat ihre Berechtigung, Gegenwartsliteratur hat einen Sinn, und zwar den, uns Geschichten über die Gegenwart zu erzählen, mögen sie noch so trostlos und traurig sein. Eines sollten sie auf jeden Fall sein: sprachgewandt und intelligent.

So ein wenig ziept es ja noch in den Nervenbahnen, wenn man sich an die Publikumsbeschimpfungen, denen man in den 90er-Jahren ausgesetzt war, erinnert. Sei es Harald Schmidt oder andere Moderatoren, die den Zeitgeist des Zynismus zur alles umfassenden Kulturkritik erhoben. Schlussendlich hat sich diese Spirale ins Nirgendwo verschraubt. Niemand möchte sich schließlich endlos erniedrigen und beleidigen lassen.

Ronja von Rönne hat einen Roman über junge Erwachsene geschrieben, die an ihrem postadoleszenten Dasein zweifeln, zum Teil auch kranken. Sie leiden an Apathie, Depressionen und Neurosen. Leonie, Jonas, Karl und Nora sind Wohlstandskinder aus den großflächigen, Deutschland im Geheimen bestimmenden, Vorstadtsiedlungen der großen und kleineren Städte. Ihr romantisches Wagnis ist eine Vierer-Beziehung, die weder geplant, noch vorhersehbar war. Zudem gibt es das Kind von Leonie, Emma-Lou, ein schweigendes Kind und damit Nachfahrin aller schweigenden Vorstadtfamilien. Bonjour tristesse.

»Ich fand Stille eigentlich ziemlich langweilig. In meinem Zuhause war es immer still. Für Lautstärke sorgten bei uns lediglich Maschinen, Rasenmäher, Staubsauger, Fön. Weil in meiner Familie niemand redete, beherrschten wir verschiedene Arten von Schweigen. Es gab das einvernehmliche, das wütende, das freundliche, das höfliche und das unhöfliche Schweigen.«

Nora, einer TV-Moderatorin, wird von ihrem Therapeuten aufgetragen, ein Tagebuch zu schreiben, um ihre Panikattacken zu bewältigen. Er überreicht ihr ein Notizbuch mit einem brennendem Streichholz und raunt dazu: »It’s a match«. Karl und Leonie wohnen zusammen. Und dann gibt es noch den geheimnisvollen Jonas. Ihrer selbst und der Tage überdrüssig beschließen die vier eines Tages, gemeinsam ans Meer zu fahren.

»Der Sommer ist zum Sterben da« sagt Maja, eine Freundin aus Kindheitstagen von Nora. Maja ist Noras wichtigste Geschichte, die in Erinnerungen neben der Gegenwart noch ausgetragen werden muss, denn Maja soll angeblich tot sein, was Nora nicht imstande ist zu glauben. Maja ist der Gegenpart zu Nora, niemals feige oder schweigsam. Eine Pipi Langstrumpf mit Rachegelüsten und einer Anleitung zum lebendig sein.

Lebendig werden die vier Hipster am Meer erst, als sie alle elektronischen Geräte zerstören und Jonas mit Emma-Lou verschwindet. Aber die Sorge ist bald verschwunden. Was nicht verschwunden ist, ist der Wunsch nach Außenbewertung. Deswegen planen sie eine Party, die in einem Desaster enden wird. Es wird sich alles ändern. »Alle hatten Gefühle.« und »Schöne Welt.«, sagt sich Nora zu einem früheren Zeitpunkt. »Und keiner weiß wohin mit all dem Gefühl. Man sollte es spenden, an gefühlsärmere Länder.«

Die von antiautoritärer Erziehung geprägte Liebesgemeinschaft bricht entviert, denn Bonnie und Clyde gab es eben auch nur als Paar. »Ich fragte mich, ob die ganze Bonnie- und-Clyde-Geschichte wirklich so romantisch verlaufen wäre, wenn sie zu viert gewesen wären. Tiefe Blicke zu viert sind eben doch komplizierter als zu zweit, und komplizierte Blicke wirft man sich nicht zu, bevor man eine Bank ausraubt, das muss zackig gehen.«

Der von Vogelschwärmen schmutzige und manchmal von weißen Wolken verzuckerte Himmel erwischt uns immer wieder von neuem, auch fern der Postadoleszenz. Immer dann, wenn wir neue Wege suchen.

 

Heike Hellebrand

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