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Tag drei auf der Leipziger Buchmesse

Der dritte und damit auch mein letzter Tag auf der Leipziger Buchmesse wird ein Tag des Schlenderns. Endlich habe ich Zeit und Muße mir das Publikum ein wenig genauer anzuschauen, da auf meinem Plan nur wenige Veranstaltungen stehen.

Ich erwische kurz noch das Ende der Lesung mit Schorsch Kamerun in der LVZ Autoren Arena und am Ende des darauffolgenden Gespräches drückt Kamerun seine Sorge über die neopopulistische Entwicklung in unserer Gesellschaft aus, welche begünstigt, dass Begriffe wie »entartet« wieder zurückkehren.

Preisträgerinnen: Marie Graßhoff links und Hanna Kuhlmann rechts
Preisträgerinnen: Marie Graßhoff links und Hanna Kuhlmann rechts

Auf der nächsten Station wohne ich einer Preisverleihung bei. Der mit 3000 Euro dotierte Indie-Autor-Preis 2016 wurde dieses Jahr in dem Genre Fantasy an die 23-jährige Hanna Kuhlmann für ihr Buch »Nachtschatten« verliehen. Ausgerichtet wurde der Preis von Neobooks in Kooperation mit dem Literaturpreis Seraph. Die Phantastische Akademie fördert mit dem Nachwuchspreis Seraph seit vier Jahren speziell Debütant*innen aus dem Bereich Fantasy. Den Community-Preis erhielt Marie Graßhoff für ihr Werk »Kernstaub«.

Mich wieder durch die Menge schiebend, gelange ich in einen Gang, in dem mehrere linke Verlage nebeneinander ihre Stände haben. Tom Strohschneider stellt hier sein neuestes Buch, eine knapp 100-seitige Flugschrift, »What’s left« vor. Strohschneider konstatiert, dass sich 2015 in Europa eine Zeitenwende vollzogen hat. Zunächst vom griechischen Frühling der Syriza-Regierung bewegt, lief und läuft Europa auf eine Krise zu. Nicht einer Flüchtlingskrise, sondern einer Krise von Humanität und Solidarität.

Der Weg zu den hinteren Bereichen der Halle 5, wo ich mich häufiger in den letzten Tagen aufhielt, führt wie beschrieben, ausgehend von der LVZ Autoren Arena durch viele Verlagsstände, welche zumeist linke Autoren publizieren oder schlichtweg aufgrund ihrer Größe eher zu den Indie-Verlagen zählen. Zwischen all diesen alternativen, das Wort »alternativ« erfährt ja momentan leider auch eine Bedeutungsveränderung, steht nun der Stand von »Compact«, dem rechtspopulistischem Magazin von Jürgen Elsässer. Aufgebläht und mit einem riesigen schwarzen Banner.

Gegen Mittag reihe ich mich in eine Schlange vor einem der Restaurants ein und hänge meinen Gedanken nach, als ich ein junges und ich würde sagen, durchschnittliches Paar sehe. Er trägt über der Schulter eine dieser papiernen Werbetaschen und zwar eine von »Compact«. Weiß auf Schwarz. Ungläubig beobachte ich die beiden und in mir kriecht ein Gefühl von Irrationalität und Hilflosigkeit hoch. Wissen die beiden denn nicht, was für einem unglaublichen Schwachsinn sie da aufgesessen sind? Gefahr kommt häufig hübsch harmlos daher.

Innerlich seufzend gehe ich ein allerletztes Mal zur LVZ Autoren Arena und mich erwartet eine gut besuchte Lesung von Abbas Khider. Die Menschen um mich herum tragen orangefarbene Werbetaschen der Eulenspiegel Verlagsgruppe, auf denen eine Merkel-Raute abgebildet ist. Orange war doch diese Partei mit den Seeräuber*innen, überlege ich. Jedenfalls erzählt ein gut gelaunter und mit seiner Energie ansteckender Abbas Khider am Schluss des Gespräches eine melancholische Geschichte, die unterstreichen soll, was er unter einer kulturellen Veränderung des Iraks versteht. Khider, der aufgrund politischer Aktivitäten gegen das Regime Saddam Husseins mehrfach verhaftet und in irakischen Gefängnissen gefoltert wurde, fand im Jahr 2000 Asyl in Deutschland. 2003 oder 2004, er weiß es nicht mehr genau, besucht er noch einmal den Irak, um seine Mutter zu sehen. Es sind Kriegszeiten und es herrscht eine melancholische Stimmung. Er möchte seiner Mutter ein paar Blumen kaufen. Die einzigen drei Blumengeschäfte in Bagdad, die er findet, führen aber nur eines: Plastikblumen. Das sollte man ändern, bricht es aus ihm heraus, diese Kultur der Plastikblumen. Man möchte doch die Welt riechen, schmecken, fühlen und sehen. Eben ein Mensch sein.

 

Heike Hellebrand

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