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In der Zukunft sind wir alle tot – Stefanie Sargnagel

»2. November 2013
Sudern statt Budern, Tschicken statt Ficken,
Gacksln statt Schnacksln, Speiben statt s’treiben,
Käseverzehr statt Geschlechtsverkehr, Bestattung
statt Begattung, vom Alk senil statt Liebesspiel,
verreckt statt geleckt, wieder ein paar Pfündchen
statt Schäferstündchen, Lebensverdruss statt Koitus,
usw. …«

Stefanie Sargnagel: „In der Zukunft sind wir alle tot“ mikrotext Verlag, 100 Seiten, 8,99 Euro
Stefanie Sargnagel: „In der Zukunft sind wir alle tot“ mikrotext Verlag, 100 Seiten, 8,99 Euro

Diejenigen, die Facebook noch benutzen, kennen das vermutlich. Man hat in seiner Freundesliste an die ein oder zwei Freunde, mit denen man vielleicht nicht unbedingt eng befreundet ist, deren Facebookposts man aber aufgrund der sprachlichen Brillanz und Eloquenz geradezu verschlingt. Was vielen von uns auch noch geläufig sein dürfte, sind die Erinnerungen an die seltsamen Jobs während des Studiums. Davon erzählen wir in kurz pointierten Anekdoten auf Partys und freuen uns hernach im »Hier und Jetzt« angekommen zu sein. So oder so ähnlich dürfte es auch der Autorin Stefanie Sargnagel gehen, die mit ihren Facebookeinträgen rund um ihre Arbeit in einem Wiener Callcenter, ihre eigenen Abgründe, Bier, Kippen und Kunstprekariat sich einen Kult-Status erschrieb.

Stefanie Sargnagels poetische und erkenntnisreiche Miniaturen zeugen von einem postdigitalem Schreiben, dass sich nicht mehr über offline oder online definieren lässt. Wobei die Autorin in Interviews über diese Phase des Schreibens wissen ließ, daheim kein Internet besessen zu haben, sondern immer in Internetcafés ging. Waren es in den 00er Jahren noch Blogs von Privatpersonen, die Tag für Tag Alltagsbeobachtungen, Selbsterkenntnisse und Selbstbespiegelungen schilderten, so wurden diese in den 10er Jahren durch Facebookposts, dem »alwayson-Portal« schlechthin, abgelöst, die vom Mühsal und der Freude des Daseins berichten.

Im von der Autorin selbstverfassten Vorwort von »In der Zukunft sind wir alle tot« steht ein bemerkenswerter Absatz zu dem derzeit inflationär benutzen Wort »binge«.

»Binge bedeutet übersetzt ja so etwas wie Exzess oder Gelage und wird in der Pathologie und Alltagssprache für Komasaufen, Esstörungen, mittlerweile aber auch Serienmarathons und generell den übermäßigen, gierigen Konsum von etwas bis es schädliche Auswirkungen hat, benutzt. Ich meine damit also eine Art, das Leben haltlos in sich reinzustopfen bis einem schlecht davon wird, die Wechselwirkung von Rausch und Starre, Gehetztheit und Lähmung.«

In der Einfachheit, damit aber auch Klarheit, in der sie ihre Arbeit in dem Callcenter der Wiener Rufnummernauskunft als eine Arbeit in einem Sweat Shop bezeichnet, manifestiert sich eine geradlinige Kritik an unseren derzeitigen Arbeitswelten. Während Mitglieder der Partei der »Neos«  unterdessen auf Dachterrassen Partys feiern, Apps programmieren und ihre Work-Life-Balance überprüfen, möglicherweise auch daran scheitern, bleibt dem Sweat-Shop-Mitarbeiter nicht viel übrig, als sich im Beisl zu besaufen und tags darauf im Bett vor dem Fernseher zu liegen.

»30. September 2013
Ich find die Partei der „Neos“ so diabolisch. Ich
stell mir in ihrer Welt so geschmackvoll gekleidete
Leute vor, die mit ihren homosexuellen und ethnisch
diversiven Freunden abhängen auf irgendeiner
Dachterasse und über Kunst, HBO-Serien und
ihre Kinder reden, welche gerade ihre erste App
programmiert haben im Gemüsegarten der Schule,
während der Rest der Bevölkerung in Sweat Shops
arbeitet („aus mangelnder Eigeninitiative“).«

Neben den Reflexionen über unsere heutigen Arbeitswelten, Anekdoten über ihren Freund, den »Witzmann« und Alkohol als Lösungsmittel bei sozialer Anspannung, greifen ihre Texte auch offenkundig politische Themen auf, wie die Flüchtlingshilfe, österreichische Burschenschaften und den derzeitigen gesellschaftlichen Rechtsruck.

»25. Januar 2014
Diese ganzen kostümierten Männervereine wie
Burschenschaften, katholische Kirche, Bundesheer
sind einfach so offensichtlich eine extrem
verkrampfte Mischung aus Daddy-Issues, Sadomasochismus,
unterdrückter Homoerotik und
kindisch-männlicher Selbsterhebung, einfach
so pickengebliebene Dreikäsehochs mit ihren
Schwertern, Zeptern und Pistolen.«

Man muss, liebe deutsche Leser, natürlich beachten, dass wir gerade in den österreichischen Kosmos, in die österreichische Sprache eingetaucht sind, in die Wiener Innenstadt, in der nachts die Straßenbahnen durch die saubere und schöne Stadt gleiten, in der jedes wichtige Gebäude nachts angestrahlt wird. Die Autorin würde uns entgegnen:

»8. November 2013
Wien ist ein Luxus-Gefängnis.«

Unter dem Assoziationsdickicht der Neuzeit schlummert aber nach wie vor diese eine nicht tot zu bekommende Legende des mittelmäßigen Künstlers, der eines Tages die Landschaftsmalerei aufgab, sich der Politik zuwandte und das »national« dem Denken und der Kultur voranstellte. In solchen Momenten bin ich dem globalisierten Endzeitkapitalismus immer ein wenig dankbar und stelle »national« so schönen Erfindungen wie Easyjet und Ryanair vor. Das funzt, mit »National Easyjet« nach Barcelona fliegen, für vermutlich 1000 Euro pro Flug. Den Aufstand braucht man nicht einmal zu planen.

»29. September 2015
Durchschnittlich bis unterdurchschnittlich begabten,
erfolglosen Künstlern und Poeten kann
man einen Eintritt in die rechte Akademikerszene
eigentlich empfehlen. Man ist automatisch der
absolut Talentierteste, ein Genie. Sie freuen sich,
behaupten zu können, es gäbe Kreative unter
ihnen, und Geld haben sie auch.«

Die Autorin mit der roten Baskenmütze studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste bei Daniel Richter in Wien, hatte die Schule zunächst abgebrochen, trägt nach meiner Beobachtung eine große Narbe auf ihrem rechten Handrücken, wurde zu den »Tagen der deutschsprachigen Literatur« von der Jurorin Sandra Kegel eingeladen, erhielt den Publikumspreis, über den im Internet abgestimmt werden konnte und es sind bereits zwei Bücher von ihr veröffentlicht worden, „Binge Living“ (2013) und zuletzt „Fitness“ (2015). Zudem schreibt und illustriert sie unter anderem für den Wiener Falter, die SZ und Vice.

 

Stefanie Sargnagel: In der Zukunft sind wir alle tot. Printausgabe

 

 

Heike Hellebrand

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