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Die Toten – Christian Kracht

»Lotte und Siegfried steigen am späten Nachmittag am Lehrter Bahnhof in den Nachtzug nach Paris, zwei oder drei Koffer kommen mit, darin die beiden aufgerollten, kleinen Kandinskys, ein paar Bücher, das leinene lange Nachthemd von Kracauers Großmutter, getrocknete Blumen, Zigaretten, Zahnbürsten. Ein mit Gummiband umwickeltes Dollarbündel steckt in Lottes Strumpfhose.«

Christian Kracht: „Die Toten“ Kiepenheuer&Witsch Verlag, 224 Seiten, 20,00 Euro
Christian Kracht: „Die Toten“ Kiepenheuer&Witsch Verlag, 224 Seiten, 20,00 Euro

Was sind die Essenzen eines Europas, wie es vor dem zweiten Weltkrieg existierte, müsste man es einem zur Schwelle des Jahrtausend geborenen Kindes erklären? Sind es getrocknete Blütenblätter, ein paar Bücher oder eine Handvoll Dollar? Es musste ja alles in einen Koffer passen, in einen Fluchtkoffer, den man, wenn man sorgsam damit umging, noch den Enkeln zeigen konnte. Christian Krachts Sterbebegleitung setzt an den schrillen Momenten der 30er Jahre an, der Blütezeit der UFA in Berlin, in der mit Dollars um sich geworfen wird, was sicher nicht historisch verbürgt ist; Berlin sich auf allen erdenklichen Ebenen austobte, um schließlich in politischer Raserei zu enden. Fiebrige Momente, die im Nachgang traumatisch wirkten.

Im Mittelpunkt des Romans steht jedoch eine andere Geschichte, die des japanischen Regierungsbeamten Masahiko, der das Grauen in Form einer heimlichen Filmaufnahme, einem absichtlich zerteiltem Schmetterlingsflügel gleich, nach Europa schleust. Masahikos Gegenspieler ist Nägeli, ein Schweizer Filmemacher, der das dumpf-teutonische Moment der Gegenwart zu ätherischen Dorffilmen sublimiert, in denen lange Momentaufnahmen von blonden Haarzöpfen sich abwechseln mit den Schweizer Bergen. Ein hochnervöser, von den Gedanken an seinen toten Vater gepeinigter Mann, wird nach Japan geschickt, so wollen es Lotte und Kracauer, mit dem eigentlichen Vorhaben eines Gruselfilms. Doch die Geschichte belehrt den Schweizer eines besseren. In der Grausamkeit der erlebten erzieherischen Methoden und der Düsternis in ihrem Leben scheinen sich der Japaner und der Schweizer einander zu erkennen und zeitgleich zu verachten.

Seit dem Erscheinen von »1979« vor fünfzehn Jahren fiebere ich jedem neuen Kracht entgegen, wie die blutrünstigen Stechmücken sich in den wärmeren Erdregionen auf unverhülltes Fleisch stürzen. Gierig und unersättlich. Das Sprachgewand von »Die Toten« vermittelt der Leserin, dem Leser eine sanfte Nähe zu dem gerade kulturell anvisierten Gegenstand, sei es Berlin, Tokio oder Los Angeles. Durchzogen von der typischen, krachtschen, feingeistigen Ironie, enden die Absätze mal abrupt, mal schweigsam und mal verachtend. Das borstige, garstige Schwein, welches in einer nebensächlichen Episode von »Imperium« eine Bratwurst aß, hebt in »Die Toten« dazu an, Chef der UFA zu werden. Mit aller Geschwätzigkeit, die den aufkeimenden Nationalsozialismus bereits in den Gedankengängen fest verankert hat und allem BlingBling, angefangen von Glückskleeeiswürfeln in Whiskygläsern hin zu Schlagern wie »Ein Freund, ein guter Freund«, die nur ein Ausdruck einer feindseligen Kumpelhaftigkeit sind, welche sich mit den Mitteln der Moderne ein wenig aufhübschen konnte, erscheint der Betrachterin, dem Betrachter ein raues und hässliches Berlin, dem harsch der Glitzer entzogen wurde. Aber so könnte es gewesen sein.

Krachts Romane, die weder Dokumentarcharakter haben noch hundertprozentig historisch abklopfbar sind, fiktionalisieren Erlebtes, Gewusstes und Nachgeschautes zu einer Metaphysik der Gegenwart, welche die historische Gesamtheit der Menschheit in ihren irrlichternden und bratwurstigen Momenten, immer der Kunst verpflichtet, zu schauen sucht.

Krachtianerin war ich schon, bevor Karl Ove Knausgård diese Formulierung auf dem Buchrücken anregte. Aber mit dem Marketing ist das ja immer so eine Sache, was der Größe des Buches aber keinen Abbruch tut.

 

Heike Hellebrand

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