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The Girls – Emma Cline

»Ich war ein durchschnittliches Mädchen, und das war die allergrößte Enttäuschung – auf mir lag keinerlei Schimmer von Größe. Ich war nicht hübsch genug für die Noten, die ich bekam, die Waagschale neigte sich nicht kräftig genug in Richtung Aussehen oder Klugheit. Manchmal überkam mich der fromme Drang, mich zu bessern, mir mehr Mühe zu geben, aber natürlich änderte sich nichts. Andere, mysteriöse Kräfte schienen im Spiel zu sein. Das Fenster neben meinem Pult stand offen, sodass ich den Matheunterricht damit vergeudete, das Zittern des Laubs zu betrachten. Mein Füller leckte, sodass ich nicht mitschreiben konnte. Die Dinge, in denen ich gut war, waren nicht wirklich für etwas zu gebrauchen: Umschläge in Bubble-Schrift zu adressieren, mit lächelnden Geschöpfen auf der Klappe. Schlammigen Kaffee zu kochen, den ich mit feierlicher Affektiertheit trank. Einen bestimmten gewünschten Song im Radio zu finden wie ein Medium, das nach Nachrichten von den Toten sucht.«

Emma Cline: „The Girls“ Hanser Verlag, 352 Seiten, 22,00 Euro
Emma Cline: „The Girls“ Hanser Verlag, 352 Seiten, 22,00 Euro

Was passiert, wenn die allseits bekannte Ordnung aus den Fugen gerät und sich das gesellschaftliche Chaos in jeder privaten Regung, jeder noch so kleinen Geste wiederfindet? In den 60er Jahren fand in den USA ein Umbruch statt, der schlussendlich 1967 im »Summer of Love« gipfelte. Die Geschichte ist allseits bekannt und wem sie entfallen ist, der kann sie in unzähligen Werken nachschlagen. Womöglich befinden wir uns derzeit wieder in einem gesellschaftlichen Umbruch, dem letzten seit dem Fall der Mauer. Der Mauerfall, begleitet von unzähligen Partys und Techno, fiel mitten in die Pubertät meiner Generation, sodass die geläufigen Mädchenprojekte der Pubertät im Wettbewerb mit den Neuorientierungen unserer Eltern standen, welche dabei zusehen mussten, wie ihre Jobs verlustig gingen und die sich auf die Suche nach neuen machten. Unsere Eltern hatten seinerzeit genug mit sich selbst zu tun und wir waren uns selbst überlassen. Es war für uns normal, Grenzen zu überschreiten, die dünne Schicht der Zivilisation zu durchbrechen, gebrochen zu werden und wieder aufzustehen. Es uferte natürlich nicht für jeden so aus, wie zum Beispiel für Sabine Rennefanz, die sich einer radikalen evangelikalen Freikirche übergab, wie geschildert in »Eisenkinder: die stille Wut der Wendegeneration«. Aber der Moment der Radikalität, ausgelöst durch eine diffuse Unordnung, die zuweilen chaotisch wirkte oder war, ließ den geläufigen, den bekannten Kosmos zerfallen und in sich zusammensacken.

Emma Cline, die im nordkalifornischen Sonoma aufwuchs, schrieb mit fünfundzwanzig Jahren »The Girls«, eine Elegie, die die Pubertät in den 60er Jahren in Kalifornien in Augenschein nimmt und das mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten an Sprachphantasie und Klugheit. Die Widersprüchlichkeiten der Pubertät austarierend, in der wir gefallen wollen und die Aufmerksamkeit auf uns ziehen möchten und doch zugleich nicht gesehen werden wollen, Verstecke suchen, schildert Cline die Gefühlswelt eines fünfzehnjährigen Mädchens so nah und eindringlich, dass der popkulturelle Background des Buches, die Manson Family, zuweilen in den Hintergrund gerät und man die Nähe und Sinnlichkeit einer Mädchenfreundschaft fast physisch spüren kann.

Was Joan Didion, die in ihren Essays und Büchern den Mythos Kalifornien und Charles Manson entzauberte, zu ihrer Zeit geleistet hat, ist Emma Cline für eine junge Generation von irritierten und eventuell schon Verschwörungstheorien anheimgefallenen Jugendlichen; die Beschreibung einer Gegenwart, fußend auf der Vergangenheit, in welcher das Machtgefüge immer noch patriarchal gebaut ist und Demütigungen so leicht zu haben sind wie Anbetung. Die Mädchen und jungen Frauen, die auf der Ranch leben, einander liebevoll zugetan sind, aufeinander aufpassen, sich in Freiheit, Glück und Harmonie wähnen, sind Ausreißerinnen par exellence. Labile, zum Teil schwer missbrauchte, träumerische Gestalten, die Aufmerksamkeit, Liebe, Zusammenhalt und Geborgenheit suchen. Sie suchen nicht nur, sie geben sich dem Moment hin und glauben, dass ihre Sehnsüchte in dieser Gemeinschaft Erfüllung finden.

Ihr Anführer ist Russell, ein träger, schlauer Fransenhippie und Ex-Zuhälter, den die Midlife-Crisis hart erwischt hat und der sich wähnt ein großartiger Sänger zu sein. Dem nur noch das letzte aber definitiv wichtigste Quäntchen vom Glück, eine musikalische Karriere, fehlt. Russells Mythos wird von Mädchen zu Mädchen weitergetragen. Es gibt niemanden, der die Kette durchbricht. Er ist ein Handaufleger, ein Segner, ein räudiger Hund mit muffigen Klamotten und halbgarem Charme. Er erscheint, wenn es dem Ritual dient und lässt die Mädchen in seinem Wohnwagen mit heruntergelassener Hose antanzen, wie es ihm beliebt. Gewalt wendet er nur an, wenn es um seine Musik geht. Er könnte damit eine Figur aus »Uns verbrennt die Nacht« von Craig Kee Strete sein.

Emma Cline führt uns entspannt durch eine Geschichte, die in Rückblenden bei einer scheinbar gebrochenen Frau beginnt, die einen Sommer, aber einen sehr wichtigen Sommer ihres Lebens dieser Truppe gewidmet hat. Sie war das »Püppchen«, die »Kleine«, die zu den anderen aufgeschaut hat. Was Cline als »Nachbrenneffekt« der 60er in ihrem Buch beschreibt, gibt es auch in Berlin. Die Gespenster der Vergangenheit, die einen ab und zu heimsuchen, wenn man in bestimmte Cafés geht, sich auf bestimmten Veranstaltungen sehen lässt. Menschen, die einen an Zeiten erinnern, in denen man nicht man selbst war. Oder doch man selbst?

»The Girls« atmet Sprache und liebt sie. Alles atmet aus den Mündern, mal schnöden Kakao, dann wieder den beißenden Geruch von Fäulnis oder den säuerlichen Geruch von Wein. Rosige Hälse wechseln sich mit harten Gesichtszügen und dürren Handgelenken ab. In diesem Spiel von Macht und Ohnmacht lässt Cline die Mädchen siegen, absichtlich vermutlich. Zu bemängeln ist weniges, außer dass die rassistischen Verschwörungstheorien von Manson in ihrem Buch vollkommen ausgeklammert werden und das Buch damit diesen politischen Diskurs ausspart.

 

Heike Hellebrand

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