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Die Haltlosen – Oğuz Atay

Oğuz Atay: „Die Haltlosen“ binooki Verlag, 786 Seiten, 29,80 Euro
Oğuz Atay: „Die Haltlosen“ binooki Verlag, 786 Seiten, 29,80 Euro

»Uns gegenüber im obersten Stock spielte Laima Hanim die Laute.
(Würde es sie – Arif Beys Gattin – wohl stören
Wenn ich sagte: Man konnte sie kaum überhören?)
Ob in Istanbul oder auf dem Land,
Ob Grillaroma vom Würstchenstand
Oder der Kohlengeruch aus dem Heizungskeller –
Nichts hat es je schneller,
Intensiver und mit größerer Kraft
Über die Sinne in unsere Blutbahn geschafft
Als diese Alaturka-Schnulzen. Wie wir uns gegen Pocken impfen,
Werden sie schon den kleinsten Pimpfen
Subkutan injiziert.
Erst schmeicheln sie, dann brechen sie´s Herz, und
man wird massakriert.«

Es gibt vielleicht ein dutzend Prosawerke der Weltliteratur, lassen wir es zwei dutzend sein, welche ein Charakteristikum gemeinsam haben. Mit ihrem Erscheinen haben sie die Literaturgeschichte entweder auf den Kopf gestellt oder eine neue Ära eingeleitet. »Die literarische Welt« hat unlängst sechs derartige Romane dem kollektiven Gedächtnis erneut in Erinnerung gerufen und sie mit dem freundlich-ironischem Attribut »unlesbar« versehen. Wenn man zu diesen sechs Romanen noch »Unendlicher Spaß« von David Foster Wallace, die »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss und »Ulysses« von James Joyce hinzunimmt, fällt nicht nur die Seitenzahl als besonderes Merkmal auf, sondern auch die thematische und stilistische Überforderung.

Was aus diesen Überforderungen erwächst, ist nicht selten »unerhört«, »so noch nie dagewesen« und damit die Geburtsstunde einer neuen literarischen Epoche. Oğuz Atay, 1934 in İnebolu an der Schwarzmeerküste geboren und 1977 verstorben, gilt mit seinem Erstlingswerk »Die Haltlosen«, auf türkisch »Tutunamayanlar«, als Begründer der literarischen Moderne in der Türkei. In seiner Schaffensphase von nur sieben Jahren prägte er die türkische Literatur nachhaltig. »Die Haltlosen«, 1972 in der Türkei erschienen, wurde lange als unübersetzbar angesehen, bis der Übersetzer Johannes Neuner das Wagnis auf sich nahm und dem Roman, einer kunstvollen Architektur aus inneren Monologen, Gesängen, enzyklopädischen Einträgen, Sprachspielereien, Briefen und Tagebucheinträgen, ein deutsches Sprachgewand zauberte, welches sich sehen lassen kann.

Der junge Bauingenieur Turgut Özben, ein zweifacher Vater, lebt mit seiner Familie in der Neubautristesse von Istanbul ein geordnetes Leben, bis er eines Tages aus der Zeitung von dem Selbstmord seines Studienfreundes Selim erfährt. Diese Nachricht lässt ihn verzweifeln und beinah zerbricht er daran, bis er sich die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit aufruft, alte Notizen heraussucht und sich auf den Weg macht, alte Bekannte und neue Freunde von Selim zu treffen. Die Zeit mit den Studienfreunden, die spielerisch die Welt eroberten, das oriental-okzidentale Koordinatensystem ihrer Zeit, ihres Landes verspotteten, sich leichtfüßig russischer Autoren und politischer Ideengebäude bemächtigten, gerät zu einer schmerzhaften Erinnerung, die es entweder zu ersticken oder fortzuschreiben gilt. Turgut Özben entscheidet sich für die Wiederbelebung des alten Geistes, auch wenn ihn das von seiner Frau und seinem derzeitigen Leben entfernt.

Die Reise zu den Freunden seines toten Freundes Selim wird für Turgut Özben auch eine Reise zu sich selbst. Wild und ungezügelt bricht er in fremde Leben ein und gemeinsam versucht man den Schock zu verarbeiten, bestellt alle Speisen auf der Karte, trinkt viel Whisky, geht in alle Nachtclubs von Istanbul und Ankara, überfordert sich jeden Moment und nimmt den alltäglichen Dingen ihre sinnlosen Bedeutungen bis vielleicht die Wahrheit ans Tageslicht tritt. Wer war Selim? Und ist das jetzt noch so wichtig, wo wir uns hier im Dunkeln einander die Wahrheit sagen? Selim wollte das doch so! Turgut Özben braucht dringend einen Freund und er findet ihn in dem imaginären Olric, welcher in naher Zukunft mit ihm sprechen wird.

Ein Freund von Selim schreibt jahrelang an einem Buch und muss unterdessen feststellen, dass die Systeme mehrmals gewechselt haben, eine Freundin von Selim beschreibt den Angebeteten als schüchtern und schwierig. Ungeklärt auch die Frage, ob Selim mehr den Männern oder den Frauen zugetan war. Es gibt noch so viel über Selim und seine Freunde zu erfahren. Es könnte ein Menschenleben dauern oder 786 Seiten.

»Atatürk, wir folgen dir, in deine Fußstapfen treten wir.«

»GESTERN, HEUTE, MORGEN

When I was a little child
Gab es nichts in Ankara
Was wird aus der dull and wild
Town après moi, que sera?«

Der binooki Verlag, den deutschsprachigen Independent-Verlagen zugehörig, wurde 2011 von Inci Bürhaniye und Selma Wels gegründet mit dem Ziel, türkische Gegenwartsliteratur und Klassiker im deutschsprachigen Raum populär zu machen.

binooki

 

Heike Hellebrand

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