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Quiz – Günter Hack

»Die QUIZ MACHINE steckte in einer Schachtel aus Recyclingpapier, die Konturen des Geräts waren außen in dunkelroter Farbe aufgedruckt. Susanne zwang sich dazu, über das, was sie hier sah und erlebte, keine Erklärungsmuster zu legen. ›Verstehenwollen ist bereits der Beginn einer  bestimmten Art von Respektlosigkeit‹, dachte sie. ›Mitschwimmen dagegen ist gut, man muss sich nur etwas Korrekturpaddeln erlauben, um nicht unterzugehen. Do nothing, sei transparent und weiß, aus Plastik.‹«

Günter Hack: „Quiz“ Frohmann Verlag, 248 Seiten, 24,90 Euro
Günter Hack: „Quiz“ Frohmann Verlag, 248 Seiten, 24,90 Euro

Japan ist mir fremd, genauso wie der dazugehörige Kontinent. Allerdings haben meine Eltern für ein halbes Jahr in Japan gelebt, und zwar in Kyoto. Ein winzigen Bezug kann ich also doch herstellen, denn hier beginnt der vierte Roman von Günter Hack – in Kyoto. Susanne, eine europäische Journalistin, begleitet hier mit einem ortsansässigen Kameramann einen älteren österreichischen Modelleisenbahnliebhaber, Doktor Müller, dessen Vater vermutlich mit den Nazis packtiert hat. Als prekär lebend sind die beiden europäischen Journalisten nicht unbedingt zu bezeichnen, aber ihre Jobs entmaterialisieren sich so schnell wie Silvesterraketen. Einmal abgeschossen, zerfällt der eben noch am Himmel erschienene Glitzer am Boden zu Staub.

Wie abgebrannt gestalten sich auch die europäischen Landschaften in »Quiz«. Auf wüstenähnlichen Arealen, an den Rändern der größeren Städte, breiten sich auf öden asphaltierten Flächen fensterlose Bauten aus. Hier werden Fernsehsendungen produziert. Woanders künden die Firmenschriftzüge von Online-Großhändlern oder anderen neuen Playern im globalen Markt von ihrem temporären Dasein. Dabei stammt das im Roman von Günter Hack detailliert geschilderte »Hilversum« noch aus einer Zeit, als Youtube noch keine große Vermarktungsfläche für diverse Produkte war. Die Konkurrenz aus dem Internet macht sich aber schon bemerkbar und der Produzent vielfach gut laufender Fernsehshows verliert mit jeder Romanseite ein wenig mehr von seinem gottgleichen Status. Die Protagonisten der Vergangenheit recyceln alte Formate und versuchen sich dem Zeitgeist anzupassen.

Susanne erhält einen Job als Fernsehmoderatorin für eine neue Show, die den Glanz einer alten Ära noch einmal zum Strahlen bringen soll. Mittels Meditationstechniken versucht sie ihren gestressten Körper unter Kontrolle zu bringen. Ihr zur Seite gestellt ist der Quiz-Kandidat Kevin, ein Non-Player-Character, wie es im Roman heißt. Kevin hat seine berufliche Hochzeit bereits hinter sich, wirkt depressiv und verloren. Ein sanfter Verlierer, der versucht, sich in den neuen hierarchischen Strukturen zurechtzufinden, bis er feststellt, dass er diesen Krieg nicht gewinnen kann. Er muss raus aus diesem System.

»Unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus ist jeder Gedanke Pornografie. Unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus schmeckt das Duschwasser wie alter Schweiß. Unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus musst du dein Ausatmen monetarisieren und dich fragen, ob das Einatmen sich noch lohnt.«

Mit eleganten sprachlichen Bildern und fein durchwobener Ironie entwirft Günter Hack ein Zukunftsszenario, welches bereits aus unserer Gegenwart abzulesen ist. Prekär Beschäftigte, die versuchen in der Hierarchie der sozialen Netzwerke aufzusteigen, hangeln sich durch berufliche Demütigungen, immer in Abstand zu einer großen Schar von Menschen, die aus dem System entlassen worden sind. Die Entlassenen, das sind die Rentner, die Arbeitslosen und die Unangepassten. Ihnen bleibt in dieser postfoucaultschen Gesellschaft nur das Ausharren und von »HAPPY WORK«, einer Art Arbeitsagentur, in freundliche und weniger freundliche Maßnahmen gesteckt zu werden.

Die sich unmerklich ausbreitende Melancholie während des Lesens wird durch ein überraschendes Ende abgemildert. Ein Ende, welches den Leser und die Leserin kurz erleichtert auflachen lässt. Denn jedes System kann gehackt werden. Auf die eine oder andere Weise.

Erhältlich auch als ePub und mobi.

Frohmann Verlag