Zum Inhalt springen

Morduntersuchungskommission – Max Annas

»Und wir können uns ja wohl nicht so darstellen. Wie sieht das denn aus, wenn einem von denen hier so etwas geschieht?«

„Die“, das waren die Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik und anderen sozialistischen Bruderländern, die Ende der 1970er und Anfang der 1980er in die DDR kamen, um zu arbeiten. Die Männer und Frauen lebten zumeist in karg ausgestatteten Wohnheimen, arbeiteten und schliefen und arbeiteten und schliefen. Man konnte so die Produktionsziele endlich erreichen und als Vertragsarbeiter*innen war ihnen nur ein temporärer Aufenthalt in der DDR zugedacht. Rassistische Übergriffe wurden als gewöhnliche Kneipenschlägereien deklariert und ein Mord, wie der an Manuel Diogo, dem auch das Buch gewidmet ist, wurde sogar unter den Teppich gekehrt.

Max Annas: „Morduntersuchungskommission“ Rowohlt, 352 Seiten, 20,00 Euro
Max Annas: „Morduntersuchungskommission“ Rowohlt, 352 Seiten, 20,00 Euro

Max Annas nimmt diesen Fall als Anlass, um die 1980er in der DDR im Bezirk Gera (im heutigen Thüringen) auszuleuchten. In der thüringischen Provinz hat die Morduntersuchungskommission es gelegentlich mit Suiziden und mordenden Ehemännern zu tun. Bereits in derartigen Fällen bemüht sich die Politik, also das Ministerium für Staatssicherheit, allzu drastische Fälle verfälschend anders abzuschließen, als die Ermittlungen ergeben haben.

Die MUK, die Morduntersuchungskommission, besteht vornehmlich aus Männern, die Heinz, Rolf oder Otto heißen, mit Rasierschnitten an den Wangen zur Arbeit fahren und gemeinsam Goldkrone bei abendlichen Besprechungen trinken. Die Männerbündigkeit wird unter anderem mit dem großartigen Satz: „Am nächsten Morgen roch nicht nur Heinz nach Rasiercreme.“, beschrieben. Geraucht wird überall, viel und ständig. Otto Castorp, die Hauptfigur, ist ein junger Ermittler, der froh ist, nicht der jüngste der Truppe zu sein. Er ist verheiratet, die Frau ist berufstätig und das Paar hat drei Kinder. Annas versteht es, die damalige Gesellschaft in der DDR sehr präzise zu beschreiben, ohne in Klischeefallen zu tappen.

Was eventuell vermeidbar gewesen wäre, ist die außereheliche Affäre von Castorp zur Buchhändlerin Marion. Allerdings erfährt man so sehr schön, dass es für Beamte mit einem „Laster“ durchaus problematisch für die berufliche Karriere werden konnte, wenn solche Sachen bekannt geworden wären. Castorps Frau Birgit arbeitet in der Textilproduktion und hat dort mit Vertragsarbeiter*innen der Sozialistischen Republik Vietnam zu tun. Im Privatleben der Castorps kommen die Vertragsarbeiter*innen nicht vor, was in dieser Zeit nicht ungewöhnlich war und auch bezeichnend für das abgeschottete Leben der Vertragsarbeiter*innen von der restlichen DDR-Gesellschaft war.

Als die MUK den toten Mosambikaner Teo Macamo findet, ist sie zunächst erschüttert über die brutale Gewalt und man ermittelt eifrig, wie es dazu kommen konnte und wer der oder die Täter waren. Otto Castorp ist weder großartig sympathisch, noch unsympathisch, aber er ist getrieben von diesem Fall. Er besitzt erstaunliche Kenntnisse über die heimischen Vögel und wenn sein Gehirn eine Auszeit von der zuweilen grausamen Arbeit braucht, schaut er aus dem Fenster, sieht Kraniche oder Habichte und stellt zu den Vögeln Überlegungen an.

Bereits die ersten Ermittlungen lassen eine von Gewaltbereitschaft und drastischem Othering geprägte Kleinstadtgesellschaft aufscheinen, die sich in ihren Vorurteilen festbeißt und nachdem das Ministerium für Staatssicherheit beschlossen hatte, den Fall öffentlich als Unfall zu deklarieren, beginnt Castorp auf eigene Faust zu ermitteln. Der zurückhaltende Charakter von Castorp, der Vogelkenner, der einer Frau zu Füßen liegt, die Bücher liebt, nimmt ruhig und beharrlich mehrere Fährten auf, beobachtet seine Umgebung sehr genau und die anfänglich stumme Kleinstadtgesellschaft beginnt sich zu öffnen und zu äußern. Was zu Tage tritt, ist mitunter barbarisch, wie die unerträgliche Situation, in der wie beiläufig das N-Wort fällt, aber es muss genauso an dieser Stelle gesagt werden, weil es die Gedanken und Wesenszüge der Menschen beschreibt, denen Schweigen und Ignoranz von der Obrigkeit verordnet worden sind. Die es verlernt haben, selbst Verantwortung zu übernehmen.

„Morduntersuchungskommission“ lädt die Leser*innen dazu ein, sich in Ruhe einen kleinen DDR-Ausschnitt anzuschauen und bietet mögliche Antworten zu Fragen, inwieweit eine von Obrigkeitsdenken geprägte Gesellschaft verroht.

 

Erhältlich bei Rowohlt.