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Sharp Objects – Gillian Flynn

In 2019 gab es eine Serie, die mich vollumfänglich in ihren Bann gezogen hat und das war »Sharp Objects«. Der Roman, auf dem das Drehbuch basiert, wurde bereits 2006 in den USA veröffentlicht und ein Jahr später erschien die deutsche Übersetzung »Cry Baby – Scharfe Schnitte«. Gillian Flynn, die auch das Drehbuch zur Serie schrieb, ist mitnichten eine unbekannte Schriftstellerin und Romanvorlagen zu Serien interessieren mich eigentlich nicht großartig. Dieses Mal aber war es anders.

Wenn man zuerst die Serie gesehen hat und ein paar Monate später beginnt, das Buch zu lesen, hat es natürlich den Nachteil, gerade auch bei einem Whodunit, dass das Ende für die Leser*in von vornherein fest umrissen ist, auch wenn ein gewisser zeitlicher Abstand vorhanden ist. Den Fokus der Lesetätigkeit allein auf die Sprache und Konstruktion der Geschichte zu verengen, wäret aber bei »Sharp Objects« zu kurz gedacht. Jedes noch so unscheinbare Detail im Roman, wie in der Serie, wurde genau platziert, um die Atmosphäre einer amerikanischen Kleinstadt einzufangen. Wie beiläufig eingestreute Kommentare zur Geschichte, zur Kleidung und zum Essen liefern alle wichtigen kulturellen Details, die es braucht, um die zivilisatorische Decke zu nähen, unter der sich die Abgründe und Grausamkeiten des Kleinstadtgefüges verbergen.

Meine Rezension bezieht sich auf den Originaltitel »Sharp Objects«.

Gillian Flynn: „Sharp Objects“ Broadway Books, 288 Pages, 16,00 Dollars
Gillian Flynn: „Sharp Objects“ Broadway Books, 288 Pages, 16,00 Dollars

“Tell me about Wind Gap.” Curry held the tip of a ballpoint pen at his grizzled chin.
“…“
“… About two thousand people live there. Old money and trash.”
“Which are you?”
“I’m trash. From old money.” I smiled.
He frowned.

Camille Preaker, Anfang 30, ist eine Reporterin der Chicago Daily Post, und hauptsächlich berichtet sie über Kriminalfälle mit einem öffentlichen Interesse, welche ihr durchaus zusetzen. Ihr Chef Frank Curry bittet sie eines Tages, in ihre Geburtsstadt zu fahren, wo ein zehnjähriges Mädchen namens Natalie verschwunden ist. Ein Jahr zuvor fand man die Leiche eines anderen Mädchens und der Verdacht liegt nahe, dass es womöglich einen Zusammenhang geben könnte.

Anfänglich noch zögernd, lässt sich Camille auf das Abenteuer ein und sie begibt sich in die Kleinstadt ihrer Kindheit, mit all den sorgsam weggesperrten Erinnerungen, die im Verlauf der Geschichte wieder an die Oberfläche gelangen und dort bäuchlings wie tote Fische schwimmen oder wie giftige rosa Gaswolken dem Wasser entgleiten. Erzählt wir die Geschichte aus der Perspektive von Camille.

Die Menschen in Wind Gap, ihnen allen voran Bill Vickery, der ortsansässige Chef der Polizeistation, sind verzweifelt und nicht erpicht auf neugierige Reporterfragen. Camille gerät in eine Zwangslage, in der sie ihre professionelle Neugier zuweilen unterdrücken muss aufgrund der persönlichen Nähe zu den sie umgebenden Menschen. Sie trinkt in einem fort Wodka und Whisky, nicht nur um die Scham zu unterdrücken, sondern auch um den Aufenthalt bei ihrer Mutter zu ertragen. Denn sie selbst hat als junges Mädchen eine Schwester verloren und wird in dem Haus ihrer Mutter permanent daran erinnert.

Mit großer Beharrlichkeit wird in die falsche Richtung ermittelt, wobei Camille zunächst einen ersten dramatisch zugespitzten Text ihrem Chefredakteur sendet. Will sie nun doch länger bleiben? Warum wohnt sie nicht in einem Motel, was ihr auch genug räumliche Distanz zu dem Geschehen in der Stadt geben würde? Früh verdichten sich für Camille die Anzeichen, dass der Täter oder die Täterin aus Wind Gap stammen muss. Neben Bill Vickery gibt es noch den aus Kansas City hinzugezogenen Detective Richard Willis, welcher sich mit Camille Preaker die Außenseiterposition teilt und mit dem sie, kleine Überraschung, auch eine Affäre beginnt.

»Sharp Objects« ist ein zugänglicher Roman, der mit gekonnten Wortspielen und einer selten sperrigen Sprache punktet. Eine unaufgeregte, witzige, zuweilen von Zynismus durchzogene Alltagssprache wechselt sich ab mit sorgfältig arrangierten Spannungsmomenten, in denen viele kleine Verletzungen freigelegt werden.

“How long do we get to have you for, sweetness?” she’d say. Which meant: “When do you leave?”

Wer mit einem guten Nervenkostüm ausgestattet ist, denn bereits der Romantitel weist auf ein zu erahnendes Krankheitsbild hin, wird den Roman auch in einem Rutsch durchlesen können.

 

Erhältlich bei Penguin Random House.